Der letzte Blog

18. Februar 2011

Hier kommt mein letzter Blogeintrag, der vorletzte ist schon eine ganze Weile zurück, immerhin ist es schon bald sieben Monate her, dass ich wieder in Deutschland zurück bin. Natürlich hätte ich mich früher melden können, aber wie sagen die gelassenen Paraguayer: „vale mas tarde que nunca“ – frei übersetzt: Besser spät als nie. Deshalb kommt hier nun der abschließende Blogeintrag.

„Queres un Terere?“

In meinen bisherigen Einträgen hat ein Thema fast keine Beachtung gefunden, obwohl es eine große Bedeutung hat: das Thema Ernährung. Die Esskultur lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Fleisch! Die Paraguayer lieben, wie die meisten Südamerikaner, das Fleisch. Ein Tag, an dem nicht mindestens eine Mahlzeit Fleisch enthielt, war eine Seltenheit. Wichtig war das Fleisch, unwichtig die Beilage. Diese machte in der Regel auch nur zwischen 15-20% einer Mahlzeit aus. Familienfeste oder Einladung zu Freunden sind meistens mit einem Asado (Grillabend) verbunden. Eine weiteres paraguayisches Essen sind Empanadas. Diese Teigtaschen, die es gefüllt mit Hähnchen, Mais oder Käse und Schinken gibt, sind das lateinamerikanische Fastfood. Das wahrscheinlich „typischste“ paraguayische Gericht ist die

Guampa, der typische Becher des Terere

Chipa, ein Maisbrot, das an jeder Straßenecke verkauft wird. Alle diese drei Gerichte sind, wie auch das restliche Essen in Paraguay, meist sehr fetthaltig zubereitet. Das hat zur Folge, dass es in einem Dritte-Welt-Land wie Paraguay eine Menge Menschen gibt, die an Übergewicht leiden. Bei den Getränken trifft Globalisierung auf Tradition: Coca-Cola ist bei allen sehr beliebt und das, obwohl diese meiner Meinung nach bei über 40°C im Schatten doch eher den Mund verklebt, als erfrischt. Die Hitze ist wahrscheinlich der Grund, warum Terere das paraguayische Nationalgetränk ist. Terere, das ist die Bezeichnung für eiskalt gekühlten Matetee. Das Besondere an ihm ist, wie er serviert wird. Dazu benötigt man einen speziellen metallenen Becher, der zur Hälfte mit den Kräutern gefüllt wird, dann wird das eisgekühlte Wasser aus einer Thermoskanne eingegossen. Nun nimmt man sich einen Schluck durch den metallenen Strohhalm und gibt den Becher weiter. Das besondere an Terere ist nämlich, dass man ihm immer gemeinsam trinkt. Es ist üblich, dass bei Besuch oder während Autofahrten, eine Person sich um den Terereservice kümmert, d.h. er oder sie hat die Thermoskanne in der Hand, füllt immer wieder den Guampa, so heißt der metallene Becher, auf und reicht ihn weiter. Diese Tradition kommt von den Indiginas, die schon früh kalte Aufgussgetränke genossen und es, wie ich selbst erfuhr, noch heute tun.

Ein Jahr Tierraviva

Das Terere trinken mit Indiginas war natürlich nur eine von vielen guten Erinnerungen, die mir von meiner Arbeit bei Tierraviva bleiben. Einige werde ich nie vergessen, so z.B. den cholerischen Autofahrer, der mir bei der Demo im Chaco vorwarf, ich hätte die Indigenas dafür bezahlt, dass sie die Straße blockieren. Ich hatte bei Tierraviva eine wirklich gute Zeit und für einen Zivildienstleistenden auch eine äußerst ungewöhnliche Aufgabe. Die Arbeit war neu und ungeheuer interessant und ich wurde immer als vollwertiger Mitarbeiter behandelt. An meinen Aufgaben konnte ich erfahren, dass mir großes Vertrauen entgegengebracht wurde. Eine wichtige Aufgabe für die Öffentlichkeitsarbeit war die Gestaltung der neuen Website. Diese ist nun fertig ( http://www.tierraviva.org.py/ ) Leider sind die von mir ins Englische übersetzten Texte noch nicht hochgeladen. Kommt aber bestimmt noch.

Und auch Kleinigkeiten: Einmal hatten unsere Anwälte keine Zeit hatten, für einen Lider, der nicht Spanisch schreiben

gute Atmosphere bei Tierraviva, hier beim Mittagessen beim Mittagessen mit meinen Eltern

konnte. Es musste ein Brief an Lida Acuña, die Präsidentin der staatlichen Behörde für Indigenas, verfasst werden. Das durfte ich machen. Aber nicht nur die Arbeit selber auch das Umfeld hat mir immer gut gefallen: Die lockere Atmosphäre im Büro sorgte immer für ein gutes, motivierendes Arbeitsklima. In den Pausen wurde viel gescherzt und- wo gibt es das sonst noc h- ich konnte sechs Monate lang mit kurzer Hose und FlipFlops zur Arbeit kommen, was wirklich bequem war bei der großensommerlichen Hitze.

Stolz war, dass ich mit zum Interamerikanischen Gerichtshof kommen konnte. Die Reise dorthin und die Verhandlung waren sehr interessant und ich war ja auch als offizielles Mitglied der Delegation akkreditiert. Das Urteil wurde inzwischen gesprochen und möchte ich es hier nachreichen:

Der Paraguayische Staat ist schuldig der Verletzung der Menschenrechte, der Verletzung gegen das menschliche Leben der Mitglieder der Gemeinde Xákmok Kásek, der Verletzung gegen die Kinderrechte der Gemeinde, der Verletzung gegen die Integrität der Mitglieder der Gemeinde und der Verletzung der Menschenwürde wegen Diskriminierung.

Der Staat ist nun dazu verpflichtet, innerhalb von drei Jahren die geforderten 10700 ha des ursprünglichen Landes der Xákmok Kásek an die Gemeinde zurück zu übereignen. Außerdem muss er die Lebenssituation der Gemeinde auf ihrem Land verbessern, dazu gehört, neben weiteren Entwicklungsprojekten, die Schule der Gemeinde und die medizinische Versorgung zu verbessern.

Als das Urteil bekannt wurde, hat die Xákmok Kásek Gemeinde ein großes Fest gefeiert, zudem auch Tierraviva eingeladen war. Sie freuen sich darauf, nach Hause zu kommen. Der Kampf für ihr Land dauert schon über 20 Jahre. Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass der paraguayische Staat nachdem er zwei Urteile des Interamerikanischen Gerichtshof, die den Indigenas Recht geben, ignoriert hat, nun das dritte ernst nimmt und es zügig umsetzt. Ich befürchte, dass es länger als die vorgegeben drei Jahre dauern wird, bis die Xákmok Kásek ihr Land bekommen. Aber ich habe auch während meiner Zeit bei Tierraviva gelernt, dass man die Hoffnung nie aufgeben soll. Denn obwohl ich erlebt habe, wie schwer es ist, in Südamerika Menschenrechte durch zusetzen, hat das Team von Tierraviva nie aufgeben und ist nach 15 Jahren immer noch sehr motiviert bei der Arbeit. Davor habe ich großen Respekt. Vermutlich haben sie deshalb einen so langen Atem, da Sie auch einiges erreicht haben, so z.B. Rückgabe des Landes an die Gemeinde San Fernando im Mai vergangen Jahres.

La Familia

Rückblickend muss ich sagen, dass ich mit meiner Gastfamilie sehr großes Glück gehabt habe. Sie haben mich sehr herzlich aufgenommen und mich immer wie eines ihrer eigenen Kinder behandelt. Als meine leiblichen Eltern und später meine Schwester zu Besuch kamen, stand immer außer Frage, dass sie in ein Hotel gehen würden. Sie wurden genauso aufgenommen wie ich. Meine Gastfamilie war relativ wohlhabend, deshalb hatte ich mein eigenes Zimmer, sogar mit Klimaanlage und einen Lebensstandard, der nur gering unter meinem deutschen lag. Für Freiwillige in Paraguay und in den meisten Ländern des Weltwärts- Programms ist das natürlich eine Seltenheit.

Meine Gasteltern mit ihrem "blonden" Sohn

Darüber hinaus hatte ich die Freiheit eines Erwachsenen, aber fast keine Pflichten, da ich wie die meisten Jungen in Südamerika im Hotel Mama mit Vollpension lebte. Vor allem bei Amhed, dem

jüngsten meiner Gastgeschwister muss ich noch einmal bedanken, da ich ohne ihn am Anfang, als mein Spanisch noch schlecht war, total aufgeschmissen wäre.

Nicolas in Paraguay

Das war nicht nur der Name meines Blogs, sondern auch eine Zeit meines Lebens, in der ich eine Fülle von Erfahrungen machte. Denn das Leben in Südamerika ist ein Abenteuer. Chaotisch, aus der Sicht eines Europäers, aber es wurde nie langweilig. Man kann zwar nichts im Voraus planen, sondern entscheidet alles spontan, aber das stört niemanden. Überhaupt fand ich es von Anfang an faszinierend, dass sich Latinos an scheinbar nichts stören. An erster Stelle muss der Lärm genannt werden, der allgegenwärtig ist. Im Straßenverkehr sorgen die Autos und Busse nicht nur für dicken Smog, sondern auch für einen unglaublichen Lärmpegel. Auf der Straße hört man aus vielen Geschäften und Häusern laute Musik und fliegende Händler versuchen, über diesen Lärmpegel hinweg ihre Produkte anzupreisen. Auch Verhalten anderer wird meistens toleriert und nur selten macht man anderen Menschen Vorschriften, so stört es die meisten paraguayischen Eltern überhaupt nicht, wenn ihre Kinder den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken. Kritisiert wird eher selten und meist nur sehr sanft. Das hat mit dem Harmoniebedürfnis zu tun, dass bei Latinos sehr ausgeprägt ist. Dieses hat auch zur Folge, dass es völlig normal ist hinter dem Rücken über Leute zu lästern, während man eine andere Person von Angesicht zu Angesicht nur selten kritisiert. Deshalb bezeichnen Latinos Europäer als kalt, da wir doch meistens sehr ehrlich und sehr direkt mit einander umgehen und scheinbar nicht so viel zwischenmenschliche Nähe brauchen.

Während meines Jahres in Paraguay habe ich die Kultur immer besser verstanden und konnte so auch besser mit den Menschen umgehen. Dadurch lernte ich auch die Unverbindlichkeit von Aussagen zu interpretieren. So ist es vollkommen normal Pläne für das nächste Wochenende zu schmieden. Während in Deutschland das nächste Wochenende auch das nächste Wochenende ist, kann in Paraguay mit dem nächsten Wochenende auch irgendein Wochenende gemeint sein. Auch Uhrzeiten sind immer unverbindlich. Man kommt meistens ein bis zwei Stunden später,als die verabredete Zeit. Wenn man sich einmal an die Hora paraguaya(paraguayische Zeit) gewöhnt hat ist es schwer, wieder die deutsche Pünktlichkeit einzuhalten. Auch an die innere Ruhe der Menschen habe ich mich innerhalb des Jahres gewöhnt. Am Anfang bereitete es mir noch Sorgen, wenn unsere Radiomoderatoren zwei Minuten vor Sendebeginn noch nicht an ihrem Platz saßen. Mit der Zeit beunruhigte mich das nicht mehr, da sie es immer noch in letzter Minute schafften.

Insgesamt möchte ich all diese Erfahrungen nicht missen.

Nicolas in Deutschland

In Deutschland angekommen, musste ich mich erst einmal an das Leben hier wieder gewöhnen. Zum einen war es interessant zu sehen, wie strukturiert hier alles ist. So hängt hier in fast jedem Gebäude ein Notfallplan, falls Feuer ausbricht. In Paraguay macht man sich darüber nicht so viele Sorgen. Mit der Pünktlichkeit klar zu kommen, viel mir am Anfang nicht leicht. Auch an die Zurückhaltung der Paraguayer hatte ich mich gewöhnt.

Inzwischen bin ich wieder in Deutschland reintegriert. Seit dem vergangenen September studiere ich Volkswirtschaft in Mannheim. Das ist zwar nicht ganz so abenteuerlich aber auch interessant. Oft

denke ich noch an dieses Jahr zurück und muss Schmunzeln, über vieles, was ich alles erlebt habe. Dass ich wegen mangelnder Hygiene häufig krank war und den überfallen wurde, habe ich vergessen. Ich möchte auf jeden Fall wieder nach Paraguay reisen und meine Gastfamilie und Freunde besuchen. Auch meine emotionale Bindung zu Lateinamerika bleibt bestehen.

Aber ewig dort leben könnte ich nicht, dafür bin ich dann im Innern wahrscheinlich doch zu Deutsch.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich jedem, der diesen Blog spannend fand, empfehlen möchte, einmal nach Südamerika zu reisen. Er oder sie wird wahrscheinlich auch eine aufregende Zeit dort haben. Ich möchte ich auch bei allen Leserinnen und Lesern meines blogs bedanken. Mein besonderer Dank gilt meinem Unterstützerkreis.

Verabschieden möchte ich mich mit den Worten

Adios Amigos

Euer

Nicolas

Politik und politische Geschichte Paraguays

21. Juli 2010

Schon vor langer Zeit habe ich an dieser Stelle angekuendigt die politschen Verhaeltnisse Paraguays zu veranschaulichen. Dieses Versprechen moechte ich nun so kurz vor Ende meines Aufenthalts noch einloesen:

Stroessner

Paraguay ist heute zwar eine Demokratie, diese wird vom Freedom House (einer Forschungseinrichtung die jährlich einen Bericht über den Grad der demokratischen Freiheiten herausgibt) nur als teilweise frei eingestuft. Denn die heutige politische Situation ist immer noch stark von den Folgen der 35-Jahre-andauernden Diktatur des Alfredo Stroessner, dessen Vater ein deutscher Einwanderer war, gepraegt.
Nach dem 2. Weltkrieg herrschten in Paraguay sehr unstabile Verhaeltnisse. 1954 gelang es dem Militaergeneral Stroessner sich durch einen Putch an die Spitze des Staates zu setzen. Damit begann auch die 54-Jahre-lange Herrschaft der Partido Colorado. Waehrend seiner Herrschaft war die Partido Colorado so etwas wie die Staatspartei, denn viele Staats- und Parteiaemter begannen zu verschmelzen, aehnlich wie in NS-Deutschland und haeufig musste man, um einen Arbeitsplatz zu bekommen, Mitglied in der Partei sein. Es gab zwar Wahlen, diese waren aber gefaelscht, deshalb erhielt die Partido Colorado immer grosse Zustimmung.
Stroessner herrschte sehr autoritaer, unter ihm kamen offiziel 400 Menschen zu Tode, inoffizielle Schaetzungen gehen von 3000 aus. Er schnitt Versammlungsrecht, Meinungsrecht und andere Freiheiten massiv ein, wurde aber fuer seinen harten Antikommunismuskurs von den USA finanziell unterstuetzt. Innerhalb der Bevoelkerung gab es Spitzel, die, wie IMs in der DDR, den Staat mit Informationen ueber beunruhigende Aktivitaeten seiner Buerger informierten. Ausserdem war ein konservatives Erscheinsbild vorgeschrieben, sodass es Maenner verboten war, lange Haare oder einen Bart zu tragen.
1989 wehte auch in Paraguay der Wind of Change und Stroessner wurde von General Andres Rodrigez gestuerzt, der Paraguay in eine Demokratie überfuehrte und  die Pressefreiheit einfuehrte. Bereits 1993 gab es die ersten freien Wahlen. Diese gewann die Partido Colorado.
Der naechste Meilenstein in der Geschichte Paraguays ist das Jahr 2008. Hier gewann Fernando Lugo, ein parteiloser Bischof ,der als Kandidat von einem Buendnis saemtlicher linker Parteien aufgestellt wurde, die Presidentschaftswahlen und damit zum ersten Mal nicht die Colorados. Er ist Befreiungstheologe und hatte den Spitznamen „Bischof der Armen“. Er verlor allerdings sehr viel Ansehen, da kurz nach seiner Wahl bekannt wurde, dass er mehrere Affaeren hatte, aus denen auch schon Kinder hervorgegangen sind. Dies war und ist immernoch das Lieblingsthema saemtlicher Comedians in Paraguay.
Angetreten war Lugo mit dem Vorsatz, die Armut zu bekaempfen, vorallem die der landlosen Kleinbauern, der Campesinos, die Rechte der Indigenas zu staerken und die Korruption zu beenden. Bis jetzt ist ihm das nicht wirklich gelungen.

Wetterabhaengigkeit

Es ist inzwischen tiefster Winter. In einem tropischen Land ist Winter allerdings etwas anders als in Europa. Soll heissen: es ist nicht durchgaengig kalt. Vor zwei Wochen war es sogar fuer ein paar Tage ueber 25°C warm. Im Moment haben wir eine Kaeltewelle mit Temperaturen um die 5°C. Durch die hohe Luftfaeuchtigkeit nagt einem die Kaelte aber ziemlich an den Knochen. Zudem regnet es sehr viel. Das schlechte Wetter wirkt sich hier sehr auf das Leben aus. Bei starken Regenfaellen schicken viele Eltern ihr Kinder nicht in die Schule, da die Strassen ausserhalb Asunción bei Regenwetter nur schwer befahrbar sind. Ausserdem wirken viele Paraguayer bei kalten Temperaturen betruebt und haben keien Lust etwas zu unternehmen, sondern bleiben lieber zuhause. Ein gewisses Sportereignis im Juni und Juli aber, liess die allgemeine Stimmung im Land steigen.

Fussball-WM 2010

Ich habe schon haeufiger von dieser Stelle aus ueber die Fussballverruecktheit dieses Landes berichtet. Deshalb deshalb darf ein

passionierte Paraguayer fiebern beim Elfmeterschiessen mit

Bericht, wie dieses Land die Weltmeisterschaft erlebte natuerlich nicht fehlen:
Die paraguayische Nationalmannschaft hatte sich bereits am vorvorletzten Spieltag der Suedamerikagruppe fuer die WM in Suedafrika qualifiziert. Ich hatte bereits beschrieben, wie ausgelassen dies gefeiert wurde. (siehe Artikel Get Up, Stand Up) Auf Grund der Zeitverschiebung fanden die Spiele entweder um 10 Uhr oder 14 Uhr statt. Debatten zwischen Arbeitgebern und –nehmern, ob man waehrend der Spiele der Nationalmannschaft frei haben koennte, gab es hier erst gar nicht. Denn es war von Anfang an klar, dass waehrend der Spiele niemand arbeiten wuerde. Deshalb stand das Leben waehrend den Begegnungen der Albirroja (die Rot-weiss-gestreiften) 90 Minuten-lang vollkommen still: Es fuhren weder Autos noch Busse. Geschaefte wurden geschlossen, niemand lief durch die  Strassen, denn alle hatten sich vor Fernsehern versammelt.
Paraguay war bei vorherigen Weltmeisterschaften nie weiter als ins Achtelfinale gekommen und so wurde dem Spiel gegen Japan sehr entgegengefiebert, da der Glaube an die Mannschaft sehr gross war. Dieses begann am Dienstag, 30. Juni um 10 Uhr paraguayischer

Fussballparty in der Innenstadt

Zeit. Ich traf mich mit ein paar Freunden in einer Bar und trotz der Fruehe tranken wir schon zu diesem Zeitpunkt ein paar Bier. Nach dem Sieg im Elfmeterschiessen war natuerlich klar, dass dieser historische Moment gefeiert werden musste. So gingen wir, nach dem obligatorischen Autokorso ins Zentrum von Asunción,  wo wir auf viele andere trafen, die mit uns noch lange den ersten Viertelfinaleinzug ausgelassen feierten. Zum Glueck wird in paraguayischen NGOs nicht erwartet das unentgeltliche Mitarbeiter an so einem historischen Tag noch zur Arbeit erscheinen.            Waehrend des Viertelfinales gegen Spanien war ich im Urlaub in Buenos Aires. Deshalb kann ich nicht sagen, wie die Stimmung war. Die Mannschaft wurde allerdings bei ihrer Ankunft am Flughafen von Asunción von einer riesigen, jubelnden Menschenmenge empfangen.
Zum Schluss moechte ich noch hinzufuegen, dass nach der 4:0 –Niederlage gegen Deutschland, ganz Argentinien mit haengenden Koepfen durch die Strassen lief.

Mein Jahr in Paraguay ist fast vorbei. In einer Woche am 29. Juli komme ich wieder in Frankfurt an. Der naechste und wahrscheinlich vorerst letzte Blogeintrag wird deshalb ein Fazit ueber ein besonders Jahr in Suedamerika sein. Ausserdem erwarten wir von Tierraviva noch den Urteilsspruch des Inter-Amerikanischen Menschenrechtsgerichtshof im Falle der Xákmok Kásek. Diesen moechte ich natuerlich auch noch bekannt geben.
Verabschieden moechte ich mich dieses Mal mit einem Foto, das wieder eines dieser beeindruckenden aber etwas verrueckten Erlebnisse zeigt, die ich hier gemacht habe. Auf diesem Foto ist das Fussballspielen waehrend der „Fiesta de San Juan“ zu sehen. Dies ist ein Feiertag Ende Juni an dem man sich abends trifft um zu essen und zu trinken. Es ist Tradition, dass Kinder auf dem Fest mit einem brennenden Fussball spielen, dieser besteht aus in Oel getraenkte Lappen. Der „Ball“ ist meistens nach einer Minute abgebrannt. Dann wird eine neuer geholt und so geht das Spiel ein paar Mal. Manchmal wird auch mit mehreren Baellen gleichzeitig gespielt. Dass dieses Spiel durchaus gefaehrlich ist, da der Ball manchmal auf Personen oder herumstehende Festzelte fliegt, stoert aber niemanden gross. Das passt zur suedamerikanischen Unbekuemmertheit.

Saludos

Nicolas

brennender Fussball beim San Juan

Der Ueberfall

11. Juni 2010

Die letzten Wochen waren ereignisreich und sind wie im Flug vergangen. Deshalb hat es das folgende Ereignis nicht mehr in meinen letzten, langen Blogartikel geschaft:

Am Mittwoch, den 26. Mai wurde ich ueberfallen.

An diesem Tag war der Fussballverein Club Guarani einen Spieltag vor Ende der Saison paraguayischer Meister geworden. Deshalb ging ich mit ein paar Freuden, die meisten von ihnen Guaranifans, zu einem Kiosk, um mit ein paar Bier darauf anzustossen. Die Stimmung war gut und die Guaranifans gaben das ein oder andere Bier aus. So kam es, dass ich irgendwann die Toilette benutzen musste. Nach zehn Monaten in Suedamerika habe ich mir angewoehnt, in solchen Faellen das „paraguayische Badezimmer“(el baño paraguayo) zu benutzen. Dies ist ein Euphemismus fuer in die Strasse pinkeln. Ich ging also um die naechste Strassenecke um zu urinieren.  Kurz nachdem ich mein Geschaeft beendet hatte, spuerte ich auf einmal einen schweren Schlag auf den Kopf. Ich dachte, dass einer meiner angetrunken Freunde sich einen schlechten Scherz erlaubt hatte und sagte auf Spanisch, dass dies ein ziemlich fester Schlag fuer einen Witz sei. Deshalb war ich auch vollkommen schockiert, als ich mich undrehte und mit zwei Pistolen bedroht wurde. Die Besitzer der Waffen schrieen mich an, ich sollte ihnen mein Handy und mein Geld geben. In meinem Schockzustand gab ich meine gesamte Brieftasche. Dies war unnoetig, denn normalerweise wollen Strassenraeuber nur das Bargeld ausgehaendigt haben. Danach verschwanden die vier Personen auf zwei Motorraedern genau so schnell wie sie gekommen waren. Erst jetzt stellte ich fest, dass ich am Kopf blutete. Die Raeuber hatten mich mit dem Griff der Pistole auf den Kopf geschlagen. Ich kehrte zu meinen Freunden zum Kiosk zurueck, die die Polizei benachrichtigten und feststellten, dass ich eine kleine Platzwunde am Kopf hatte. Bis die Polizei eintraf verging eine ganze Weile, nach den Taetern zu suchen waere reine Zeitverschwendung gewesen, deshalb fuhr uns der Streifenwagen ins Krankenhaus. Dort wurde meine Wunde mit zwei Stichen genaeht.
Die Geschichte hoert sich zunaechst ziemlich schockierend an. Deshalb moechte ich ein paar Dinge ins richtige Licht ruecken: Paraguay ist kein Land, in dem man taeglich Angst um sein Leben haben muss. Es ist sogar, was Kleinkriminalitaet angeht, eines der friedlichsten Laender Suedamerikas. Ein solcher Ueberfall haette auch in Frankfurt passieren koennen. Das Kiosk befindet sich in der Naehe eines grossen Einkaufszentrums in einer ruhigen Gegend. Dort wohnen mehrere meiner Freunde und wir haben dort schon heufig abends getrunken, ohne dass etwas passiert ist. Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Waere ich fuenf Minuten frueher oder spaeter gegangen, haette ich nicht dort gestanden, als die Taeter auf ihren Motorraedern vorbei fuhren. Ich hatte zudem Pech, dass ich um die Strassenecke ging und so ausser Sichtweite meiner Freunde war. Diese standen naemlich keine 20 Meter Luftlinie vom Geschehen entfernt. Auch die Wunde war nicht wirklich schlimm: Waehrend wir auf die Polizei warteten ging ich ins Haus eines Freundes und schrieb dort eine Email an meine Eltern, sie sollten schnell die Kreditkarte sperren lassen. Den Ueberfall an sich fand ich persoenlich nicht dramatisch, durch Alkohol und Adrinalin im Blut verspuerte ich auch keine Schmerzen. Der administrative Aufwand nach dem Ueberfall ging mir allerdings ziemlich auf die Nerven. So musste ich zweimal fuer meine Anzeige zum Polizeirevier fahren, das sich am anderen Ende der Stadt befindet. Meinen Mobilfunkbetreiber musste ich sogar dreimal aufsuchen, bis dieser meinen Chip wieder aktivierte.
Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass ich Glueck im Umglueck hatte und haette ich den Raeubern nicht meine Brieftasche geben, waere ich am naechsten Morgen ganz normal zur Arbeit gegangen.

Yakye Axa ist an alternativem Land interessiert

Bei Tierraviva gibt es sehr interessante, sogar zukunftsweisende Neuigkeiten: Der paraguayische Staat hat der Gemeinde Yakye Axa,

Indigenas der Yakye Axa Gemeinde

ueber die ich von dieser Stelle schon haeufig berichtet habe, alternatives Land angeboten. Dieses ist flaechenmaessig etwas groesser als der Teil, den sie von ihrem urspruenglichen Territorium forderten und ist qualitativ gleichwertig. Sollte die Gemeinde das Land annehmen -und danach sieht es im Moment aus – hat das Folgen fuer unsere Arbeit. Denn dem urspruenglichen Land, das die Yakye Axa zurueckforderten, konnte man antrophologisch einwandfrei nachweisen, das dort tatsaechlich ihre Vorfahren gewohnt hatten. D.h. es bestand kein Zweifel, dass dieses ihr Land ist. Folglich kann der Staat also bei zukuenftigen Klagen von indigenen Gemeinden auf Rueckgabe ihre  urspruenglichen Landes das Argument verwenden, dass selbst die Yakye Axa sich auf alternatives Land eingelassen haben. Das ist deshalb bedeutend, weil die Indigenas sich mit ihrem urspruenglichen Land starke identifizieren , u.a. weil dort ihre Vorfahren begraben sind.
Vielleicht bereuen die Yakye Axa diese Entscheidung in ein paar Jahren. Allerdings kann man ihnen ihre Zustimmung nicht uebel nehmen. Denn sie leben jetzt seit 20 Jahren neben einer Landstrasse, durch einen Zaun von ihrem urspruenglichen Land getrennt, das heute in privatem Besitz ist.(siehe Artikel Get Up, Stand Up). Ein Yakye Axa, der genau so alt ist wie ich, ist am Strassenrand gross geworden und hat dort sein gesamtes Leben verbracht. In diesen 20 Jahren sind 37 Mitglieder der Gemeinde an den schlechten Lebensbedingungen gestorben. In diesem Zeitraum hat der Staat massenhaft Versaeumnisse der gesetzlich vorgeschriebenen Gesundheits- und Wasserversorgung der Gemeinde zugelassen. Waehrend dieser zwei Dekaden ist die Gemeinde, nachdem alle Versuche auf nationaler Ebene gescheitert sind, vor die Inter-Amerikanische Kommission und danach vor den Inter-Amerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte gezogen und hat dort das Recht auf ihr Land bekommen. Der Staat aber lehnte die vom Gerichtshof vorgeschrieben Enteignung in einer skandaloesen Sitzung ab (siehe Artikel Fern von jeglicher Rechtsstaatlichkeit).
Der Verkehr auf der Landstrasse hat in letzter Zeit so stark zugenommen, dass durch den Laerm nicht einmal mehr in der Schule unterrichtet werden kann.

Nach dieser langen Leidensgeschichte kann man verstehen, dass wir die Entscheidung der Yakye Axa akzeptieren. Auch wenn sie uns die Arbeit in Zukunft schwerer machen wird.

Einbick in ein anderes Weltwaerts-Projekt

grosser Hof mit Fussballplatz zum Austoben

Vergangene Woche liess ich meine Arbeit fuer zwei Tage ruhen, um in diesem Zeitraum das Projekt eines befreundeten Zivildienstleistenden kennen zu lernen. Lukas  hat wie ich vergangenes Jahr Abitur gemacht und leistet nun seinen Zivildienst ebenfalls im Rahmen des Weltwaertsprogramms in Asunción. Sein Projekt heisst Esperanza (zu Deutsch Hoffnung) und ist Arbeit mit sehr armen Kindern. Er arbeitet in einer Einrichtung, die mit einem deutschen Hort vergleichbar ist. Die Eltern der Kinder sind Strassenverkaeufer. Sie wohnen in Slums in den Vororten von Asunción und kommen taeglich ins Zentrum der Stadt um dort Kaugummi und aehnliche Kleinigkeiten an vor Ampeln wartende Autofahrer zu verkaufen. Das Projekt Esperanza bietet den Eltern an, dass  ihre Kinder nach Schulschluss in den  Hort kommen koennen. Dort koennen diese spielen, bekommen Mittagessen und Nachhilfe. Im Gegenzug  muessen die Eltern versprechen, dass sie ihren Kindern verbieten, selber Waren in der Strasse zu verkaufen. Denn fuer die Kinder ist es schwer nachzuvollziehen, dass sie, wenn sie heute in die Schule gehen anstatt Muelltueten zu verkaufen, in ein paar Jahren eine deutlich besser Beschaeftigung finden koennen als ihre Eltern.
Lukas‘ Hauptaufgabe dort ist die Kinderbetreuung. Es gibt aber zahlreiche Nebenaufgaben, wie z.B. Organisation des Mittagessens

Gruppenbesprechung vor der Nachhilfe

und Reparaturen.Finanziert wird das Projekt durch den Staat; die Einrichtung stellt die benachbarte Kirchengemeinde.
Der Einblick ins Projekt war sehr interessant. Allerdings waere es mir auf Dauer zu anstrengend, schon morgens frueh von tobenden Kindern angesprungen zu werden. Da bin ich doch ganz dankbar, dass man bei Tierraviva morgens erstmal in aller Ruhe einen Kaffee trinken kann und sich dann der Arbeit widmet.

„GOOOOOOOOOOOL de Lucas Barrios“

Ein anderer Lucas sorgt im Moment landesweit fuer Aufsehen: Lucas Barrios, 25, Stuermer in Diensten von Borussia Dortmund und gebuertiger Argentinier hat vor zwei Monaten die paraguayische Staatsbuergerschaft erhalten. Dies war moeglich, da seine Mutter eine nach Argentinien ausgewanderte Paraguayerin ist. Der Nationalitaetswechsel hat rein pragmatische Gruende. Da fuer Stuermer Barrios in der argentinischen Nationalmannschaft hinter Weltfussballer Lio Messi (FC Barcelona), Gonzalo Higuaín (Real Madrid), Diego Milito (Inter Milan) und Carlos Tévez (Manchester City) die Chancen auf eine Einsatz bei der WM schlecht standen, konnte er von Paraguays Trainer „Tata“ Martino leicht fuer die Einbuergerung ueberzeugt werden- mit der Zusage seines

Lucas Barrios (nummer 19) feiert nach einem seiner Tore fuer Paraguay

Einsatzes bei der WM. Verwunderlich ist, wie beliebt Barrios hier ist. Denn die Paraguayer haben keine Sympathie für die Argentiner- gelinde gesagt, fast könnte man auch von Hass sprechen..  und nicht nur von Rivalitaet gegenueber  dem grossen Nachbarn, wie wir das vielleicht von Oesterreichern gegenüber  Deutschen kennen. Diese negative Haltung der Paraguyer gegenüber den Argentiniern  beruht darauf, dass ein Grossteil der Argentinier ziemlich abwertend ueber den Rest Suedamerikas denkt und sich auch so verhält.  Argentinien ist das am weitesten entwickelteste Land Lateinamerikas. Barrios aber ist trotz seines argentinischen Dialekts und der Tatsache, dass er zur WM-Vorbereitung zum ersten Mal ueberhaupt in Paraguay war, beliebt wie kaum ein anderer Nationalspieler. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass er in drei Testspielen drei Tore fuer Paraguay geschossen hat. Da waren alle Vorbehalte schnell vergessen.

Ab heute rollt der Ball endlich wieder. Ich werde sowohl die Spiele der deutschen als auch der paraguayischen Nationalmannschaft verfolgen. Sollte es danach Grund zum Anstossen geben werde ich aber eine richtige Toilette und nicht das „paraguayische Badezimmer“ aufsuchen.

Saludos

Nicolas

Eine besondere Reise nach Peru

2. Juni 2010

Schon seit ueber einem Monat habe ich nichts mehr von mir hoeren lassen. Das liegt hauptsaechlich daran, dass ich mich mit

Interview mit Fernsehsender Cerro Cora SNT

Denguefieber infiziert hatte und deshalb eine Woche vollstaendige Bettruhe und noch einige Zeit mehr fuer die vollstaendige Regeneration benoetigte. Obwohl ich  nur eine relativ harmlose Variante des Denguefiebesr hatte, war es doch eine suedamerikanische Erfahrung, auf die ich gerne verzichtet haette. Nun bin ich aber wieder gesund, deshalb kommt jetzt, wie im letzten Blogartikel angekuendigt, der Bericht ueber den Fall der Xákmok Kásek vor dem Inter-Amerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte in Lima, Peru.

Am 9.4.10, dem Freitag vor der Abreise, veranstallteten wir eine Pressekonferenz mit unseren Anwaelten und den Vertretern der Xákmok Kásek. Dorthin kamen die Vertreter der groessten Zeitungen und zwei  Fernsehteams. Spaeter am Tag in unserem Radioprogramm ging es hauptsaechlich um die Anhörung.

Die Delegation

Am Sonntag den 11.4. traf sich die Delegation von Tierraviva am Flughafen von Asunción, um von hier aus nach Lima aufzubrechen. Die Delegation bestand aus:

Die Delegation: v.l.n.r Antonia Ramirez, Dr. Rodrigo Villagra, Maria-Julia Cabello, Oskar Ayala Amarilla, Nicolas Soemer, Marcelion Lopez, Maxi Ruíz

-Marcelino Lopez (48 Jahre)
1. Lider(die Gemeinde hat mehrere) der Gemeinde Xákmok Kásek und Hauptklaeger vor dem Menschenrechtsgerichtshof. Er ist seit 35 Jahren als Lider aktiv und war einer derjenigen, die vor 20 Jahren ihren Anspruch auf das Land der Gemeinde beim INDI (staatliche Behoerde zustaendig fuer Indigenas) angemeldet hatten..

–          Anwalt Oskar Ayala Amarilla (40)

Er arbeitet seit 15 Jahren fuer Tierraviva und ist seit 2006 Coordenative Executive. Er trat bereits als Anwalt in den Faellen der Yakye Axa und der Sawhoyamaxa vor dem Menschenrechtsgerichtshof auf.

–          Anwaeltin Maria Julia Cabello (33)

Nach ihrem Rechtsstudium machte sie ein Praktikum bei Tierraviva. Zu dieser Zeit wurde ein neuer Anwalt bei Tierraviva gesucht und da sie schon immer Interesse am Thema Menschenrechte hatte, nahm sie die Stelle an. In rechtlichen Angelegenheiten hat sie schon viele Gemeinden vertreten, der Fall vor dem Menschenrechtsgerichtshof war bis jetzt ihre groesste Herausforderung.

–          Assistent Nicolas Soemer (21)

Ich wurde offiziell beim Gerichtshof als Assistent angemeldet. Das sicherte mir einen Platz am Tisch unserer Anwaelte mit guter Aussicht auf das Geschehen und ein paar respektvolle Blicke aus dem Publikum.

Des weiteren als geladene Zeugen

–          Maximiliano Ruíz (29)

Er arbeitet als Lehrer in der Grundschule der Gemeinde, kennt sich deshalb gut aus mit den Problemen des fehlenden Landes und  auch mit den Problemen der fehlenden Mittel fuer Bildung. Er war bereits als Vertreter der Xákmok Kásek zur Inter-Amerikanischen Kommission fuer Menschenrechte nach Washington, D.C.  gereist.

–          Antonia Ramirez (60+)

Durch die schlechte medizinische Versorgung hatte sie ihre Schwester und ihre Mutter, die zu den Dorfaeltesten gehoerten, verloren. Ausserdem war sie schon immer sehr engagiert und wurde deshalb als Zeugin ausgesucht. Ihr genaues Alter weiss sie uebrigens nicht, aber sie hat ihr gesamtes Leben in der Gemeinde verbracht. Dies merkte man deutlich in der 8-Millionen-Einwohner Stadt Lima. Die Zeit dort muss fuer sie wohl ein wenig wie eine expressionistische Erfahrung gewesen sein: Alles erschien ihr viel zu hektisch, laut und modern. So musste man ihr z.B. zeigen, wie man eine Rolltreppe benutzt.

–          Dr. Rodrigo Villagra (39)

Er studierte unter anderem Anthropoghie in Schottland, da dieser Studiengang nicht in Paraguay angeboten wird. So wurde er der

kurz vor Beginn der Anhoerung gut gelaunt: Dr. Pablo Balmaceda(l.) u Dr. Rodrigo Villagra

erste Promovierte der soziologischen Anthropologie in Paraguay. Seine Doktorarbeit schrieb er ueber das Leben der Indigenas im Chaco. Deshalb war seine Meinung als Experte ueber das Leben von Indigenas, wie schon im Fall der Yakye Axa Gemeinde, vor dem Gerichtshof gefragt.
Er war einer der Grueder und ist der aktuelle President Tierravivas.

Als Experte war zudem geladen:

–          Dr. Pablo Balmaceda (58)

Er studierte waehrend des Kalten Krieges Medizin in Polen, da er am dortigen Gesundheitssystem interessiert war. Der damalige Diktator Paraguays Alfredo Stroessner liess deshalb sogar voruebergehend seine Eltern verhalften. Stroessner fuhr waehrend seiner Herrschaft naemlich einen Anti-Kommunismuskurs, fuer den er von den USA finanziell unterstuetzt wurde. Pablo kehrte nach seinem Studium nach Paraguay zurueck und arbeitete seitdem viel mit Indigenas,  z.B. erstellte er Statistiken ueber den Gesundheitszustand der indigenen Bevoelkerung. Er war schon als Experte zu den beiden vorherigen Gerichtsfaellen gereist. Als vor zwei Jahren Fernando Lugo zum Presidenten gewaehlt wurde, wurde Pablo offizieller Beauftragter fuer Gesundheitsfragen von Indigenas im Gesundheitsministerium.

An dieser Stelle moechte ich erwaehnen, dass der Gerichtshof nur die Reisekosten von Dr. Pablo Balamaceda uebernahm. Die Flugtickets fuer die Indigenas zahlte Tierraviva. Haette Tierraviva die Reisekosten nicht uebernommen, haetten die Indigenas die Reise, um ihre Rechte einzufordern, nicht machen koennen. Das bedeutet, dass sich das Einfordern von Menschenrechte, was universel jedem Menschen zustehen sollte, nur Menschen mit einem gewissen Wohlstand leisten koennen.

Auch mit dem Taschengeld eines Weltwaertsfreiwilligen ist eine solche Reise nur schwer machbar, deshalb moechte ich mich bei meinen Eltern bedanken, dass sie mich bei der Finanzierung  der Reise unterstuetzen.

Erste Tage in Peru – Vorbereitung auf die Anhörung

Kurz nachdem wir am Sonntag in Peru ankamen trafen sich unsere Anwaelte mit denen des Staates, der Kommission und Vertretern des Gerichtshof. Dort kam es zum ersten Aufreger: Der Staat wollte keinen Guaranidolmetscher fuer Antonia Ramirez, die kaum Spanisch spricht, bereitsstellen, obwohl Guarani eine der offiziellen Landessprachen Paraguays ist.

Den Montag und Dienstag verbrachten wir mit der Kommission zur Vorbereitung auf die Anhörung. So wurden die Fragen und Plaedoyers aufeinander abgestimmt. Denn fuer die Befragung der Zeugen hatte jede Partei nur 15 Minuten Zeit.
Am Montagnachmittag kam dann der naechste Eklat: Das paraguayische Gesundheitsministerium hatte Dr. Pablo Balmaceda mitgeteilt, dass er entlassen werden wuerde, sollte er vor dem Gerichtshof aussagen. Das war natuerlich ziemlich schockierend fuer ihn. Er, der schon vor der Stroessner-Diktatur keine Furcht hatte,  machte das einzig Richtige: Er suchte die Richter des Menschenrechtsgerichtshof auf, um ihnen diese Erpressung mitzuteilen.

Die Anhörung

Am Mittwochmorgen um 9:00 war der grosse Augenblick gekommen – die Verhandlung begann. Pablo musste keine Angst um seine Arbeitsstelle haben, denn die Richter hatten dem Staat klar gemacht, dass eine Aussage vor Gericht kein Kuendigungsgrund sei, sondern eine Buergerpflicht darstelle. Ausserdem hatte der Staat einen Uebersetzer fuer Antonia Ramirez gefunden. Dieser war allerdings kein professioneller Dolmetscher, sondern ein Mitarbeiter der paraguayischen Botschaft in Lima. Seine Uebersetzung war teilsweise so schlecht, dass unser Anwalt Oskar Ayala ihn unterbrach, um den Sachverhalt richig zustellen.

Die Anhörung begann mit der Zeugenaussage von Maximiliano Ruíz. Er erklaerte wie er als Jugendlicher zum ersten Mal in Erzaehlungen der Grosseltern gehoert hatte, wie sie einst frei auf dem urspruenglichen Land der Xákmok Kásek lebten. Von da an begann er sich fuer die Rueckgewinnung des Landes einzusetzen.  Danach informierte er die Richter ueber die Verschlechterung der Lebensbedingungen auf den Laendereien. So durften die Gemeinde von einen Tag auf den anderen nicht mehr jagen und auch keinen Besuch mehr empfangen. Und er informiert ueber ihren Entschluss, die Laendereien zu verlassen als ihre Hunde vor ihren Augen von den Rangern getoetet wurden.
Als Lehrer sprach er auch ueber Bildungsprobleme. So muss er mit nur zwei anderen Kollegen 85 Schueler im Alter zwischen 6 und 12 Jahren ausbilden. Der Unterricht, für den nur sehr knappe Mittel bereit gestellt werden,  findet in Spanisch und Guarani statt, es gibt keine Moeglichkeit in Enxet, die native Sprache der Xákmok Kásek, zu lehren. Durch diesen Spracheverlust  und durch die fehlende Moeglichkeit zu jagen verliere die Gemeinde einen Teil ihrer Kultur.

Danach folgte Antonia Ramirez mit ihrer Zeugenaussage. Auch sie beklagte den Verlust der Enxet-Sprache.

Indigenas in der Anhoerung

Sie legte Wert darauf, dass Enxet ihre Muttersprache und das Land der Xákmok Kásek ihre Heimat ist. Sie offenbarte dem Gericht auch, dass die Wassersorgung der Gemeinde katastrophal ist. Da es waehrend des Sommers oft acht Monate lang nicht regnet, ist der Staat verplichtet jeden Monat Wassertanks zur Gemeinde zu bringen. Dies geschieht aber sehr haeufig nicht. Aus diesem und Gruenden der schlechten medizinischen Versorgung sind schon viele der Xákmok Kásek gestorben.

Ueber die Gruende der haeufigen Todesfaelle klaerte dann Dr. Pablo Balmaceda auf: Viele Kleinkinder und aeltere Personen sterben im Sommer waehrend extremer Temperaturen von ueber 40 Grad an vermeidbaren Krankheiten wie Diarrhoe oder Kreislaufproblemen, die durch magelhafte Nahrungs- und Fluessigkeitsaufnahme hervorgerufen werden. So gab es in den letzten 20 Jahren 40 vermeidbare Tode. Durch fehlende Ernaehrung kommt es ausserdem haeufig zu Behinderung wie Muskelschwund. Die Salazar-Rancher interessierten sich meistens nicht fuer den Gesundheitszustand der Indigenas, deshalb muessen diese 15 km zur naechsten Krankenstation laufen oder darauf hoffen, mitgenommen zu werden. Besonders schwangere Frauen leiden unter diesen Umstaenden extrem. Allgemein stufte er die hygienischen Bedingungen unter dem paraguayischen Durchschnitt ein. Oft muessen bis zu zehn Personen in einem kleinen Haus leben.

Bis hier hin war es eine sehr interessante Verhanldung gewesen. Trotzdem war ich ueber die Mittagspause an dieser Stelle sehr dankbar, denn es war anstregend, fast vier Stunden dem Diplomatenspanisch zu folgen. Was mir besonders aufgefallen war, war wie agressiv der Staat seine Fragen an die Zeugen stellte und wie sehr er darauf aus war, sich aus der Affaire zu ziehen. So wurde z.B. Maxi Ruiz gefragt, wieso der paraguayische Staat Menschen einsetzen sollen, die sich in erster Linie als Enxet (Name der Sprachfamilie) und nicht als Paraguayer identifizieren.

Nach der Pause ging es weiter mit der anthropologischen Erklaerung von Dr. Rodrigo Villagra. Er erlaeuterte, wie und vor allem auf welchem Gebiet die Xákmok Kásek vor der Privatisierung des Chaco lebten und wie es dazu kam, dass die benachbarte Gemeinde ihnen im Moment die Moeglichkeit des Exil bietet. Ausserdem stellte er klar, wie die Xákmok Kásek, die einen Dialekt namens Sanapana reden, mit dem Rest der Voelker, die zur Enxet-Sprachfamilie gehoeren, verwandt sind.

Dies war sehr wichtig, denn nach Dr. Villagra sprach Lida Acuña, die Presidentin des INDI (staatliche Behoerde fuer Indigenas), als geladene Zeugin des Staates. Sie behauptete, das INDI waere verwirrt durch die beiden Bezeichnungen Enxet und Sanapana gewesen. An dieser Stelle moechte ich anmerken, dass die Verwirrung nicht noetig gewesen waere, da eine Doktorarbeit ueber die Enxetsprachfamilie mit all ihren Dialekten seit Jahren dem Staat vorliegt. Des Weiteren behauptete sie, dass die Gelder, die der Staatshaushalt fuer das INDI vorsieht, bis heute nicht fuer  Landkaeufe freigegeben wären.

Nach der Aussage von Frau Acuña folgten die muendlichen Plaedoyers. Unsere Anwaelte, wie ebenfalls die der Kommission, warfen dem Staat vor, er habe gegen das Recht fuer Indigenas auf urspruengliches Land, das Recht auf Leben, das Kinderrecht und die Garantie auf rechtlichen Schutz verstossen. Der Staat auf der anderen Seite sah sich handlungsunfaehig, da er aufgrund der unterschiedlichen Namen der Sprachfamilie (Enxet und Sanapana) nicht gewusst haette, von welcher Gemeinde und von welchem Volk die Rede gewesen waer. Da Tierraviva die in offiziellen Antraegen an den Staat die beiden Namen oft vertauscht haette, haetten wir zudem gegen administratives Recht verstossen.

Ein Urteil wurde an diesem Tag noch nicht gesprochen. Dieses folgt erst nach der Abgabe der schriftlichen Plaedoyers und wird fuer Anfang Juli erwartet. Ihr werdet es also auch noch erfahren.

Fuer mich war die Teilnahme an dieser Verhandlung einer der Hoehepunkt in meinem Zivildienstjahr: wer hat schon die Gelegenheit dabei zu sein, wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten geht. Ich war auf meinen Assistentenstatus sehr stolz.

Lima

Am Tag nach der Anhoerung hatten wir Zeit, uns die Stadt anzuschauen und ein wenig am Meer zu entspannen. Es war das erste Mal

Lima, Pazifikkueste, Stadtviertel Miraflores

fuer die Indigenas, dass sie ein Meer sahen. Nachmittags ging es fuer den Grossteil der Delegation zurueck nach Paraguay.

Lima hat mir gut gefallen. Die Stadt ist sehr viel groesser und moderner, im Moment wird sogar ein U-Bahnnetz gebaut, allerdings auch um einiges teurer als Asunción. Vorallem aber halten sich dort viele Touristen auf, so konnte ich beim Fruehstueck einmal am Nachbartisch ein Gespraech in durchdringenden Oesterreichisch ueber den Unterschied zwischen den Anden zu den Alpen belauschen. Was mir vorallem aber auffiel war, wie sauber Miraflores, das Stadtviertel direkt am Meer, in dem sich unser Hotel befand, und das Zentrum von Lima sind. Auf dem Weg zum Flughafen konnte ich aber sehen, dass die aermeren Viertel ausserhalb des Stadtkerns aussehen wie ueberall in Lateinamerika..

Ferien in Cusco und am Machu Picchu

Kathedrale von Cusco

Von Lima ging es fuer mich weiter in die Ferien nach Cusco. Eine Stadt im Landesinnern Perus mit einer halben Millionen Einwohner. Cusco liegt auf 3400 Metern und dementsprechend duenn ist die Luft. Waehrend des gesammten Aufenthalts dorts war jegliche Taetigkeit in Form von koeperlicher Anstrengung, ziemlich atemraubend. Ein wenig deprimierend war es, den Cusqueños zuzusehen, die auf dem Sportplatz neben meinem Hostel problemlos Squash spielten.Um mit dem Hoehenproblemen fertig zu werden, wird empfohlen Kokatee zu trinken. Dieser besteht aus den Blaettern der Kokapflanze, die auch zur Herstellung von Kokain benutzt werden, und beruhigt die Gemueter. In Peru und anderen suedamerikanischen Laendern wehrt man sich deshalb dagegegen, dass die Kokapflanze  als Droge angesehen wird.

Cusco liegt in der Naehe des Machu Picchu. Deshalb ist der Ort ueberfuellt mit Touristen aus der ganzen Welt. Man hat fast das Gefuehl es halten sich dort mehr Touristen als Einwohner auf, dem entsprechend sind auch die Preise. Die meist westlichen Touristen unterscheiden sich von den Einwohnern deutlich. Denn die Einwohnern Cuscos sind die Quechua, die Nachfahren der Ureinwohner Perus. Sie sind klein, haben sehr dunkle Haut und auf Grund der Hoehe grosse Lungen. Sie haben ihre eigene Sprache, ihre eigene Kultur und vor allem ihre eigene Religion. Deshalb mussten sich die spanischen Eroberer einiges einfallen lassen, um den Katholizismus in Peru zu verbreiten. So kann man in der Kathedrale von Cusco ein Kruzifix mit einem kleinen, braunhäutigen Jesus bestaunen, der die Identifizierung mit dem Messias erleichtern sollte. Ebenfalls in der Kathedrale haengt ein Gemaelde des Letzten Abendmahls. Dies hatten die Spanier bei einem peruanischen Maler in Auftrag gegeben und es zeigt in der Mitte des Tisches –im Gegensatz zu dem von Da Vinci – kein Lamm sondern ein Meerschweinchen. Das ist naemlich das traditionelle Festessen der Quechua. Wie 13 Personen von einem Meerschweinchen satt werden sollen ist mir allerdings ein Rätsel. Denn aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Meerschweinchen kaum genuegend Fleisch hat, um eine Person zu saettigen. Aber wie wir wissen, hat der Heiland schon mit 5 Fischen und 2 Broten eine Menschenmasse gesaettigt, insofern will ich seine gastronomischen Berechnungen hier nicht in Frage stellen.

Zwei Tage nach meiner Ankunft fuhr ich dann auch zum Machu Picchu (Quechua fuer alter Gipfel), einem der Touristenmagnete

meine Kamera streikte mal wieder, deshalb ein offizieles Werbefoto des Machupicchu

Suedamerikas. Der Machu Picchu ist ein Berg auf dessen Gipfel sich eine guterhaltene Inkastadt aus dem 16. Jahrhundert befindet. Diese wurde „in Harmonie mit der Natur“ erbaut, wie es typisch fuer die Bauweise der Quechua ist, deshalb haben ihr die zahlreichen Erdbeben in Peru auch nichts ausgemacht. Auch die typische Terrassenbauweise half, den Berg zu stabilisieren. Wieso die Stadt erbaut und dann verlassen wurde, ist bis heute umstritten. Die Theorien schwanken zwischen einer Zufluchtsstaette und einem ruhigen Ort zur Ausuebung der Religion.

Ein paar Tage spaeter war dann auch die Zeit fuer mich gekommen wieder nach Hause zu reisen. Der Aufenthalt in Peru hat mir sehr gut gefallen. Die Anhörung beim Inter-Amerikanischen Gerichtshof war sehr interessant und vorallem in und um Cusco habe ich viele neue Sachen gesehen. Das Einzige, was mir in Peru gar nicht gefiel war die Panfloetenmusik, die ueberall gespielt wurde und jedem aus Fussgaengerzonen deutscher Grossstaedte bekannt ist. Aber nur ein boeser Mensch wuerde behaupten, die Peruaner traenken soviel Kokatee um diese aushalten zu koennen.

Wiederkehrende Probleme

Als ich am Tag meiner Ankuft im Buero vorbeischaute, staunte ich nicht schlecht, als ich sah, dass 100 Personen der Gemeinde San Fernando (davon ca. ein Drittel Erwachsene, die anderen Kinder) in unserer kleinen Unterkunft hinterm Haus gastierten. Eigentlich war der Kaufvertrag fuer ihr Land schon im Januar (siehe Artikel Enero en Paraguay) abgeschlossen worden. Der Staat haette bis Ende April das Geld an den Besitzer ueberweisen muessen, wie es der Vertrag vorschrieb. Dies schien aber nicht geschehen zu sein und so drohte der Vertrag ungueltig zu werden. Deshalb gingen die 100 Personen jeden Tag vor das Gebaeude der INDI(staatlichen Behoerde fuer Indigenas) um dagegen zu demonstrieren. Dies sorgte auch dafuer, dass das oeffentliche Interesse an dem Vorfall geweckt wurde (http://www.abc.com.py/abc/nota/109178-Nativos-siguen-con-protestas-para-forzar-compra-de-tierra/ Artikel ueber den Vorfall in der groessten Tageszeitung). Bei einem Treffen zwischen der Besitzerin des Landes, Vertretern des INDI und den Anwaelten von Tierraviva wurde eine Verlaengerung des endgueltigen Kaufdatums auf den 15.Juni dieses Jahres festgelegt.

Rechtsfreiheit fuer Polizei und Militaer

In der Woche meiner Rueckkehr wurde ein Versteck der EPP,  das noch nicht lange verlassen war, gefunden Die EPP ist die Terrorgruppe, die Fidel Zavala entfuehrt hatte (siehe Artikel Enero en Paraguay). Die Regierung, die der EPP noch nie so nah auf den Fersen war, beschloss deshalb, den Estado de Excepción zu beantragen. Der Estado de Excepción (zu deutsch Ausnahmezustand) besagt, dass Polizei und Militaer ohne Begruendung und Schuldbeweiss Personen festnehmen und –halten duerfen  und Versammlungen aufloesen koennen . Die beiden legislativen Kammern verabschiedeten am 24. April ein Gesetz, das fuer einen Monat den Ausnahmezustand in 5 Bundeslaender Paraguays, in denen die EPP vermutet wurde, in Kraft treten liess.
Dieses Gesetz beunruhigte viele Menschen. Kritiker warfen der Regierung vor sie versuche dadurch, die Campesinobewegung (Campesinos sind Kleinbauern, die sehr wenig Land besitzen) zu kriminalisieren. Der Vorwurf ist nicht unberechtigt, da kurz nachdem Fidel Zavala frei war, die Tochter des Vorsitzenden der Campesinobewegung festgenommen wurde, zwar mit der Begruendung aber ohne Beweise, der EPP geholfen zu haben.
Ich persoenlich habe dieses Gesetz immer sehr kritisch betrachtet, da es die Rechtsstaatsprinzipien entmachtet und der Polizei die Tuer zu Wilkuer oeffnet.
Das Resultat des Estado de Excepción, der vergangenes Wochenende endete, ist auch nicht gerade berauschend: Es gab zwar ueber 100 Verhaftungen, darunter war aber kein Mitglied der EPP. Die Kleinkriminalitaet ist in den besagten fuenf Bundeslaendern deutlich gesunken. Dies liegt vermutlich an der Polizeipraesenz von zusaetzlich 3.000 Mann: ueber den gesamten Zeitraum wurden 4000 kg Marihuana sichergestellt.

Erwaehnenswert zum Schluss finde ich noch, dass der 1. Mai, der hier Tag der Arbeiter heisst (Dia de los trabajadores) vollkommen unpolitisch ist. Niemand geht demonstrieren. Es ist eher typisch, dass man sich mit seinen Arbeitskollegen zum Essen trifft oder einen trinken geht.

Mit ueber 3000 Woettern war dies bis jetzt mein laengster Blogbericht. Ich weiss, dass man Bloglesern solche Monster eigentlich nicht zumuten kann. Dafuer moechte ich mich entschuldigen. Das Denguefieber hatte mich ziemlich aus der Bahn geworfen und so kam ich mit dem Schreiben nicht hinterher. Allerdings sollten die Leser auch wissen, was ich hier in den letzten Wochen alles erlebt habt- für einen Zivi ziemlich viel.

Ich moechte mich dieses Mal mit einem Bild aus diesem fussballverrueckten Land verabschieden. Dieses Foto zeigt eine Filiale einer grossen Supermarktkette. An der Decke haengen Flaggen aller Teilnehmerlaender der Weltmeisterschaft, geordnet wie in den Vorrundengruppen.

Deutschlands Gruppe D im Supermarkt

Dann kann die WM ja kommen.

Saludos

Nicolas

Buenos Aires, Asunción, Ciudad del Este, Iguazú/ „Reisende soll man nicht aufhalten.“

7. April 2010

Feliz Pascua – Frohe Ostern. Ich habe schon seit einer Weile nichts mehr von mir hoeren lassen. Das liegt daran, dass ich im Maerz viel gereist bin.
Zuletzt waehrend der Semana Santa (Karwoche) fuer ein paar Tage Campingurlaub zum Nationalpark von Ipycuí, der fuer seine zahlreichen Wasserfaelle bekannt ist. Die offiziellen Feiertage der Karwoche sind hier uebrigens Donnerstag und Freitag, Montag ist eine ganz normaler Arbeitstag. Ausserdem verzichtet der Grossteil der Paraguayer, obwohl katholisch getauft, Karfreitag nicht auf ihr geliebtes Carne. Der Heisshunger auf Fleisch ueberwiegt also goettlichen Vorgaben. Ostern ist hier eine ruhige Zeit, die man mit der Grossfamilie verbingt oder zusammen fuer ein paar Tage wegfaehrt. Braeuche, wie Ostereier anmalen und suchen gibt es hier kaum. Auffaellig ist auch, dass Geschaefte kaum Osterdekoration hatten. Wie auch schon an Weihnachten habe ich festgestellt, dass Ostern hier nicht so kommerzialisiert ist wie in Deutschland.

das Wahrzeichen von Baires: el obelisco

Der Hoehepunkt des Maerz war natuerlich die Reise nach Buenos Aires und das dortige Wiedersehen mit meinen Eltern. Diese hatte ich sieben Monate lang nicht gesehen und so gab es einiges zu erzaehlen. Buenos Aires an sich ist aber auch immer einen Besuch wert. Die Metropole, die zusammen mit ihrem Umland 13 Million Einwohner hat, ist eine der modernsten Staedte Suedamerikas. Es gibt viele Hochhaeuser, ein U-Bahn-Netz und breite Strasse, sogar eine 12-spurige-Einbahnstrasse. Fuer mich, als jemand der an Asunción gewoehnt ist, war es sehr beeindruckend, da Baires deutlich sauberer groesser und schoener ist. Im Innenstadtbereich wirk Baires naemlich wie eine Grossstadt der 1.Welt. Ueber die Einwohner von Buenos Aires laesst sich sagen, dass sie sehr viel Wert auf ihr Erscheinungsbild legen. Ich habe z.B. noch nie so viele Leute mit einer RayBan-Sonnenbrille gesehen.
Waehrend der Woche unternahmen wir sehr viel und hatten die Moeglichkeiten neben den gewoehnlichen Sehenswuerdigkeiten auch die dortige Fabrik von Volkswagen und das Stadion des argentischen Rekordmeisters Riverplate zu besichtigen.

auf dem Trainerstuhl von Riverplate: Probesitzen fuer die Zukunft?

Fuer einen Tag fuhren wir mit der Faehre Buquebus ueber den Rio de la Plata nach Colonia, Uruguay. Colonia ist ein kleiner, verschlafener Ort, der fast ausschliessich von Tourismus lebt. Hier ist es so ruhig, dass man sich eigentlich nicht vorstellen kann, dass sich am anderen Flussufer die hetzige Grossstadt Baires befindet. Leider habe ich meine Kamera waehrend der Woche in Buenos Aires verloren, sodass ich kaum Fotos habe, die ich hier presentieren kann.

illuminierter Itaipu-Staudamm bei Nacht

Nach der Zeit in Buenos Aires besuchten mich meine Eltern noch fuer 10 Tage in Paraguay und wohnten auch bei meiner Gastfamilie im Haus. Mir ist vorallem in dieser Zeit aufgefallen, wie sehr ich mich schon an die Latinokultur angepasst habe. Meine Eltern mussten sich erst daran gewoehnen, dass die meisten Menschen hier zwar offen und freundlicher, auf der anderen Seite aber viele ihrer Aussagen sehr unverbindlich sind. Den groessten Teil der Zeit verbrachten wir in und um Asunción, ueber ein Wochenende fuhren wir auch nach Ciudad del Este. Dort konnte ich mir auf dem riesigen Schwarzmarkt eine neue Kamera kaufen. Wir besuchten das Itaipukraftwerk und die Iguazu-Wasserfaelle, diese sind die breitesten der Welt, allerdings nicht ganz durchgaengig. Der Urlaub mit meinen Eltern war eine schoene und erholsame Zeit und so war es schon ein wenig stressig nach drei ruhigen Wochen wieder ins Buero zurueckzukehren.

Aussichtsplatzform innerhalb Iguazus

Neues aus Tierraviva

In Tierraviva sind wir in der Endphase der Vorbereitungen auf die Gerichtsverhandlung der Xámok Kásek am Inter-Amerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte. Die Anhoerung wird am 14. April in Lima, Peru stattfinden. Der Urteilsspruch wird 2 – 3 Monate spaeter verkuendet. Ich werde bei der Verhandlung anwesend sein und darueber berichten. Ich freue mich schon sehr darauf, den Prozess zu verfolgen, denn die Hauptaufgabe von Tierraviva war und ist die Rueckgewinnung des Landes, auf dem die Vorfahren der Indigenas einst lebten.

Das war soweit das Neuste. Der naechste Blogbericht kommt dann aus Peru. Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln:
Nach 5 Monten hochsommerlicher Hitze, hat hier nun der Herbst begonnen. Im Moment haben wir eine kuehlere Woche und die Temperaturen sind nun „nur noch“ um die 17°C – Paraguayer gehen nun nicht mehr ohne Jacke aus dem Haus und klagen ueber die „Kaelte“.

Saludos

N icolas

Ein einmaliger Geburtstag

26. Februar 2010

Geburtstag im Sommer

Vergangen Freitag, den 19. Februar, war es mal wieder soweit, ich wurde mal wieder ein Jahr aelter. Ich habe an meinen Geburtstagen schon viel erlebt und waehrend meines Auslandjahres in Kanada war ich sogar an meinem Geburtstag Snowboarden. Aber dieser 21. Geburtstag war ein ganz besonderer, den ich immer in Erinnerung behalten werde:
Von meinen Arbeitskollegen hatte ich die Erlaubnis bekommen auszuschlafen und so kam ich erst gegen 11 Uhr ins Buero. Da es im Moment noch um die 30C warm ist, kam ich in T-Shirt, kurzer Hose und FlipFlops. Um 12 Uhr gab es dann, wie in Tierraviva an Geburtstagen ueblich, ein gemeinsames Mittagessen, bei dem fuer mich „De Los Cumplas Feliz“ gesungen wurde. Wie jeden Freitag machten wir danach unsere Radioshow, bei der ich, da am Ende noch etwas Sendezeit uebrig war, ein kleines Interview geben durfte. Nach der Arbeit ging ich, um mich ein wenig abzukuehlen, ins Schwimmbad meines Sportclubs.
Am Abend begann dann die Feier. Als Geschenk hatte meine Gasteltern einen

ein Staendchen und eine Torte fuer das Geburtstagskind

Grillabend fuer mich und meine Freunde versprochen. Und so trafen dann zwischen 21 und 22 Uhr langsam die ersten Gaeste ein. Ich hatte meine Freunde eingeladen und meine Eltern, wie es hier ueblich ist, die gesammte Grossfamilie dazu. Das Essen war sehr lecker und die dazugehoerigen Kaltgetraenke hatten meine Eltern auch bezahlt. Irgendwann nach Mitternacht ging die juengere Generation dann noch den Club Coyote feiern, wo wir bis in die fruehen Morgenstunden blieben.

Alles in allem war es ein sehr schoener Geburtstag, wahrscheinlich wird es mein erster und einziger im Sommer bleiben. Vielen Dank auch an dieser Stelle an all die Glueckwuensche, die ich aus Deutschland bekam. Das schoenste Geschenk, bekam ich uebrigens von einer meiner Tanten, ein Handtuch, das aussieht wie eine Paraguayflagge.

Skandal im OePNV
Wie schon im letzten Artikel angekuendigt moechte ich nun ueber die kriminellen Machenschaften der Busfahrer berichten. Ich hatte mich schon seit einiger Zeit gewundert, warum staendig Leute mit einem Notizbuch in den Bus einsteigen, dem Busfahrer kurz etwas mitteilen, dafuer dann ein wenig Geld kassieren und wieder aussteigen. Nun habe ich erfahren, dass diese Menschen  illegal als Zeitstopper arbeiten. An dieser Stelle muss ich kurz erklaeren, dass die Busfahrer in Paraguay kein festes Einkommen haben. Sie muessen pro Tag eine Mindestanzahl von Passagieren transportieren. Jeder Passagier, denn sie darueber hinaus mitnehmen, ist dann ihr Profit. Da es keine festen Fahrplaene gibt, muss sich jeder Busfahrer ueberlegen, wie er auf seiner Fahrt möglichst viele Passagiere mitnehmen kann. Dazu bezahlt er die Zeitstopper. Diese stehen an ausgewaehlten Orten und sagen ihm, wann der letzte Bus derselben Linie oder einer Linie mit aehnlicher Route vorbeigekommen ist. Dementsprechend kann der Fahrer dann entscheiden, ob er schneller faehrt, um den vorherigen Bus zu ueberholen oder langsamer in der Hoffnung, dass es spaeter mehr Passagiere gibt. Die Zeitstopper sind zwar vom Gesetz und vom Busunternehmen verboten, aber Leser meines Blogs wissen ja bereits, dass in Paraguay Gesetz und Wirklichkeit auseinanderliegen. Manch einer mag sich an dieser Stelle auch fragen, warum die Busfahrer keine Gewerkschaft gruenden und den internen Konkurenzkampf  beenden. Darauf hab ich auch keine Antwort gefunden.

Zum Schluss moechte ich noch folgendes erwaehnen.

      • Mein Blog hat es auf Platz 27, bei der Wahl der 100 besten Blogs ueber interkulturelle Erfahrungen und Austausch geschaft.
      • Die Website von Tierraviva steht kurz vor der Veroeffentlichung. Deshalb hier schon mal ein erster exklusiver Eindruck vom neuen Design: http://www.tera.com.py/tierraviva/4/
      • Das Buero ist voll mit den Vorbereitungen auf die Gerichtsverhandlungen der Xamok Kásek am Inter-Amerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte beschaeftigt.

Ab heute abend habe ich offiziell  Urlaub. Ich fliege am Sonntag nach Buenos Aires, wo ich mich mit meinen Eltern treffen werde. Nach einer Woche komme ich dann mit ihnen zurueck nach Asuncion. Sie werden fuer 10 Tage bei meiner Gastfamilie wohnen und wir werden einige Sehnswuerdigkeiten, wie z.B. die Iguasu-Wasserfaelle besuchen gehen. Natuerlich werden Sie auch  Tierraviva kennenlernen und ein Besuch im Chaco ist neben vielem Anderen auch geplant.

Saludos

Nicolas

Hace muchisimo Calor

12. Februar 2010

Das bedeutet soviel wie “Es ist verdammt heiss!” und damit willkommen zu einem kurzen Zwischenbericht. Seit Ende Januar ist die Temperatur angestiegen und in der letzten Woche war es durchgaengig ueber 40°C heiss. Bei solchen Temperaturen fangen selbst die Paraguayer an sich ueber die Hitze zu beschweren. Zum Glueck hat meine Gastfamilie eine Klimaanlage, sodass es im Haus nur 30°C sind. Natuerlich beeinflusst die Hitze das Leben hier. Alles dauert etwas laenger, da man sich bei dieser Hitze wirklich nicht hetzen kann und soll.

Die Gemeinde Xámok Kásek zieht vor den Inter- Amerikanische Gerichtshof für Menschenrechte

Normalerweise wuerde die Arbeitsmoral bei solchen Temperaturen sinken. Aber die Nachricht, die uns Anfang der Woche erreichte, bewirkte das genaue Gegenteil. Wir erhielten die Klageschrift, die die Inter-Amerikanische Menchenrechtskomission beim  Inter-Amerikanischen Menschenrechtsgerichtshof bezueglich des Falls der indigenen Gemeinde der Xámok Kásek eingebracht hatte.

An dieser Stelle moechte ich kurz das Inter-Amerikanische System zum Schutz der Menschenrechte erklaeren. Da es in Deutschalnd weitgehend unbekannt ist und ich es ohne die Eroerterungen meines Kollegen Ireneo auch nicht verstanden haette, dem an dieser Stelle auch nochmal gedankt sein soll.

Dieses System zum Schutz der Menschenrechte besteht grob gesehen aus zwei Instanzen:

In der ersten haben die Opfer von Menschenrechtsverletzungen die Moeglichkeit vor der Inter-Amerikanischen Menschenrechtskomission gegen ihrem Aggressor Forderungen geltend zu machen. Die Komission hat in dieser Instanz eine mediative Rolle, sie prueft die Forderungen und kann ihnen zustimmen oder sie ablehnen. Falls sie den Forderungen zustimmt, spricht sie ein empfehlendes Urteil gegen den Aggressor aus. So war es auch im Falle der Xámok Kásek, diese hatten mit Hilfe Tierravivas vor der Komission gegen ihren Aggressor, den Staat Paraguay, die Forderung nach ihrem urspruenglichen Land gestellt. Dieses ist ihnen in der Verfassung zugesichert. Dies geschah im Jahr 2004, damals hatte die Kommission dem Staat empfohlen, innerhalb von 4 Jahren den Xámok Kásek ihr Land zurueck zugeben und sie bis dahin mit Nahrung, Wasser und Medizin zu versorgen. Da dies nicht geschah, geht der Fall nun in die zweite Instanz:

Hier bezieht die Komission nun die Seite des Klaegers, da der Aggressor nicht ihren Empfehlungen gefolgt ist. Zusammen verklagen sie den Aggressor vor dem Inter-Amerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte. Fast alle amerikanischen Staaten, darunter auch Paraguay, haben sich dazu erklaert, sich den Urteilen bedingungslos zu unterwerfen.

Am letzten Montag erhielten wir nun die 75-Seiten-lange Anklage der Komission an den Menschenrechtsgerichtshof, die vom gesammten Buero sofort eifrig studiert wurde. Im April oder Mai werden die ersten Anhoerungen vorm Gerichtshof stattfinden. Tierraviva wird als Anwalt der Xámok Kásek auftreten.

Typisch deutsch

Zum Schluss moechte ich noch eine Erfahrung schildern, die ich als typisch fuer das Verhalten von Deutschen empfinde.
Zweieinhalb Wochen ist es her, da hatten Steffi, Jan und ich unser sog.Midstaycamp von AFS. das ist ein fester Bestandteil des Weltwaertsprogramms und  fand in einem Hotel mit kleinem Pool statt, in dem wir uns in den Pausen erfrischen konnten. So kam es, dass wir am ersten Tag unseres Camps waehrend der Mittagspause zusammen mit den Betreuerinnen  im Pool spielten, Laerm und Quatsch machten. Dies stoerte keinen der paraguayischen Gaeste. Doch nach einer Weile kam eine Frau, die bis dahin auf einer Liege in der Naehe des Pools gelesen hatte, und sprach uns auf Deutsch an: „Habt ihr was?“ Wir verstanden die Frage zuerst gar nicht und so legte sie nach: „Ihr habt vorhin so kritisch zu mir rueber geschaut?“. Meiner Meinung nach ist solches Verhalten typisch deutsch, denn  kein Paraguayer würde sich und erst recht  nicht im Urlaub, an vermeintlich kritischen Blicken stoeren. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Frau gerade ein Buch mit dem Titel „Problemzone Bauch“ lass und deshalb annahm, dass unser Lachen ihr galt. Zugegeben, sie sah auch so auch als haette sie mit dem Lesen des Buches schon vor ein paar Jahren beginnen sollen.

Das war es soweit von dieser Stelle, im naechsten Eintrag kommt eine Anekdote zum Thema typisch Paraguayisch und das organisierte Verbrechen der Busfahrer.

Nun moechte ich nochmal dazu aufrufen fuer meinen Blog Nicolas` Erfahrungen in Paraguay abzustimmen:

http://www.lexiophiles.com/ix09/vote-for-ix10-here

Abstimmen ist ziemlich einfach: wenn man sich auf der  Seite von lexiophiles befindet, links neben Nicolas` Erfahrungen in Paraguay auf das Fester klickt, dort erscheint dann ein Haken, danach weiter unten auf er Seite auf vote klicken.

Vielen Dank und Gruesse

Nicolas

Enero en Paraguay

2. Februar 2010

Feliz Año Nuevo, Ein frohes Neues Jahr 2010 und damit herzlich wilkommen zu meinem ersten Blogeintrag im neuen Jahr. Dieser erscheint erst so spaet, da der Januar in Paraguay der Sommerurlaubsmonat ist: Alle Schueler und Studenten haben Ferien, die meisten Paraguayer nehmen sich Urlaub, das Parlament tagt nicht und die paraguayische Fussballliga ist noch in der Sommerpause. Folglich ist es die Zeit des Sommerlochs. Im Buero war es sehr ruhig, da die meisten meiner Kollegen in Ferien waren. Waehrend des Januars senden wir auch keine Radioprogramme.

Weihnachten und Neujahr in Paraguay

Die Festtage habe ich gut ueberstanden, auch wenn sie sehr unterschiedlich zu den deutschen sind. Die Zeit zwischen den Jahren hat hier einfach nicht den Stellenwert wie in Deutschland. Weihnachten ist fuer die meisten Leute ein ganz normaler Arbeitstag und alle Geschaefte haben geoeffnet. Das eigentlich Fest beginnt erst abends. Wie schon im letzten Artikel erwaehnt, gibt es hier an Weihnachten in den meisten Familie keine Geschenke. Das Fest beginnt gegen 10 Uhr abends mit einem sehr grossen Abendessen, in vielen Familie mit der gesammten Grossfamilie. Um Mitternacht ist es ueblich vor die Tuer zu gehen und den Nachbarn Frohe Weihnachten zu wuenschen. Hier und da gibt es auch ein wenig Feuerwerk. Kurz danach riefen sehr viele Verwandte an, um uns zu beglueckwuenschen. Denn Rest der Nacht verbrachte ich mit meiner Familie im Vorgarten und es kamen von Zeit zu Zeit Freunde und Verwandte vorbei, um mit uns anzustossen. Es ist aber auch nicht unueblich, dass sich Jugendliche nach Mitternacht mit ihren Freunden treffen oder feiern gehen.
Als ich meiner Gastmutter erklaerte, dass man in Deutschland, unter anderem auf Grund des Wetters den Heiligen Abend im Haus im kleinen Kreis verbringt, meinte sie, dass waere ja furchtbar, denn dann waere man ja vollkommen isoliert.
Ich weiss nicht ob es an den hohen Temperaturen, dem Plastiktannenbaum oder den fehlenden Weihnachtsaccessoires lag, aber Weihnachten in Deutschland gefaellt mir doch deutlich besser. Hier erinnerte es mich vom Ablauf her an das deutsche Sylvester, von dem sich das paraguayische Silvester auch unterscheidet: Bis 24 Uhr ist es naemlich ein Familienfest. Den eigentlichen Jahreswechsel verbringt man immer mit der Familie und geht erst danach mit Freunden auf die Piste. Deshalb machen saemtliche Discos und Clubs auch erst gegen 0:30 auf. Dafuer feiert man dann bis zum Sonnenaufgang oder noch laenger. Ich war mit meiner Gastfamilie auf einer grossen Feier im Sportclub Sajonia, dort spielte zwar eine Liveband aber es gab keinen Countdown, was ich ein wenig schade fand.

Was mir an den Festtagen allerdings gut gefallen hat ist der Sidre. Der Sidra, das fuer diese Jahreszeit typische Getraenkt, ist ein Wein der aus Aepfeln gepresst wird. Im Gegensatz zu unserem Frankfurter Äppelwoi(Apfelwein fuer alle nicht-Hessen) ist er aber trueb und deutlich suesser

TODOS SOMOS FIDEL

Am 17.Januar kam die Nachricht, die ganz Paraguay aufatmen liess: Fidel Zavala ist von seinen Entfuehrern nach 94 Tagen freigelassen worden!
Am 15. Oktober.2009 war der Grossgrundbesitzer Fidel Zavala Serrati, dessen Familie zu den reichsten des Lands gehoert, von seinem Landsitz in der Naehe von Concepcion, einer Stadt im Norden Paraguays, von der EPP entfuehrt worden. Die EPP – Ejército del Pueblo Paraguayo (paraguayische Volksarme) – ist eine links-radikale Guerillagruppe, deren Groesse auf ca. 20 Mitglieder geschaetzt wird. Ihr werden Kontakte zur FARC in Kolumbien nachgesagt und ihr Ziel ist die Einfuehrung eines revolutionaeren Sozialismus.

die weisse Schleife fuer Fidel

Das Ereignis hatte landesweit Bestuerzung hervorgerufen. Um diese auszudruecken wurde die Aktion „TODOS SOMOS FIDEL“ – Wir alle sind Fidel – ins Leben gerufen. An vielen oeffentlichen Plaetzen gab es Banner mit diesem Slogan. Das eigentliche Symbol aber war eine weisse Schleife. Diese war an sehr vielen Autos zu sehen und sogar die groessten Tageszeitungen druckten sie neben ihre Logos auf dem Titelblatt.
Auf der Suche nach Fidel, der zu einem der beruehmtesten Paraguayer geworden ist, hatte sich die Polizei nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Denn die EPP kennt sich in der Gegend um Concepcion excellent aus und so hatte die Polizei nie eine wirkliche Spur von den Entfuehrern gefunden. Erst nachdem die Familie Zavala 550.000 US$ Loesegeld bezahlt hatte, wurde Fidel freigelassen. Eine weitere Forderung der EPP an die Familie war die kostenlose Verteilung von mehreren Tonnen Fleisch in einem Armenviertel von Asuncion und an die indigene Gemeinde der Mbyá-Guarani in der Naehe von Concepcion. Die Mbyá-Guarani wollten aber mit den kriminellen Machenschaften der EPP nichts zu tun haben und lehnten das ihnen gebrachte Fleisch mit der Begruendung ab: „Wir sind arm, aber wir haben Wuerde!“.

FUERZA CABAÑAS

Einen weiteren Schicksalschlag fuer die Paraguayer ist die Situation des beliebten Nationalstuermers Salvador Cabañas. Diesem wurde am 25.Januar in einer Bar in Ciudad de Mexico eine Kugel in den Kopf geschossen. Er hat das Attentat ueberlebt, ist am letzten Samstag aus dem Koma wieder aufgewacht und soll sogar ein paar Worte mit seiner Familie gesprochen haben. Das hat natuerlich grosse Erleichterung hervorgerufen, denn sehr viele Paraguayer waren besorgt um ihren „Chava“. In seiner Heimatstadt

Banner fuer "Chava"

Itauguá versammelten sich im dortigen Stadion am Mittwoch mehr als 5000 Menschen um ihre Solidaritaet auszudruecken. Im Moment ist er hier das wichtigste Gespraechsthema. Ob und wann der Stuermerstar, der fuer die WM in Suedafrika als gesetzt galt, wieder Fussball spielen und Tor schiessen kann, ist allerdings genauso unklar wie die Motive fuer Angriff.

ERFOLGE UND NIEDERLAGEN AUS DER ARBEIT BEI TIERRAVIVA

Bei Tierraviva ist trotz der ruhigen Zeit doch einiges Interessantes passiert: Um die Weihnachtszeit herum haben wir viele Weihnachtskarten und Briefe fuer die Yakye Axa und Sawhoyamaxa aus Nordamerika und Grossbritanien erhalten. Alle mit froehlichen Weihnachtsgruessen und natuerlich der Hoffnung, dass sie nun endlich ihr Land bekommen. Die Indigenas haben sich darueber sehr gefreut, auch wenn der Grossteil von ihnen die meist in English geschriebenen Karten nicht versteht, freuen sie sich doch ueber die weltweite Solidaritaet. Unter den Grüssen  war auch welche einer Schulklasse aus Kanada. Da musste ich an mein Auslandsjahr in Kanada zurueck denken. Dort schrieben wir einmal im Spanischunterricht– ebenfalls im Rahmen einer Kampagne von Amnesty International – Briefe an einen in Cuba inhaftierten Menschrechtler. Damals verstand ich nicht wirklich, was die Briefe bringen sollten. Heute, da ich die Reaktion der Empfaenger gesehen habe, kann ich den Sinn dieser Aktion verstehen. Ich denke, dass diese Aktion, genauso wie es die weisse Schleife und Fuerza Cabañas gezeigt haben, dass es gut ist fuer die Betroffen zu wissen,, dass sie  in ihrer schwierigen Situation nicht allein sind oder wie man als Fussballer sagt „ you´ll never walk alone“.

Der unterzeichnete Kaufvertrag des Landes von San Fernando

Erfreulich ist zudem die Nachricht der Gemeinde San Fernando: Noch kurz vor Ende des letzten Jahres hatte die INDI (staatliche Behoerde zustaendig fuer Indigenas) es geschafft, das urspruengliche Land der Indigenas von seiner heutigen Besitzerin zu erwerben. Die Indigenas aus San Fernando und Tierraviva hatten die INDI unter Druck gesetzt, das Land noch vor dem Jahreswechsel zu kaufen, denn der Jahreshaushalt 2009 der INDI liess dies zu. Ob das 2010 klappen würde, war  allerdings sehr fraglich.  Deshalb war der Druck notwendig. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nun haben 91 Familie der Enxetstammes aus San Fernando endlich ihr eigenes Land zum Leben.
Traurig dagegen ist die Nachricht, die uns aus der Gemeinde Puerto Colón erreichte. Dort starben um den Jahreswechsel drei Kleinkinder, die alle zwischen einem und drei Jahre alt waren, an Diarrhöe. Die Gemeinde Puerto Colón befindet sich in der Naehe des Flusses Rio Paraguayo im Bundesland Presidente Hayes und ist nur ueber Wasser zu erreichen. Die naechste grosse Stadt ist Concepción, die ca. 40 km suedlich der Gemeinde auf der anderen Seite des Flusses im gleichnamigen Bundesland liegt. Schon in der Vergangenheit hatte es oft Probleme gegeben, denn die Krankenhaeuser und die  medizinischen Verwaltung von Concepción fuehlten sich nicht fuer die Indigenas aus dem anderen Bundesland verantwortlich. Oft wurden kranke Indigenas abgelehnt, mit der Begruendung sie sollten das Krankenhaus von Villa Hayes, der Hauptstadt von Presidente Hayes, aufsuchen. Diese ist allerdings 250 km Luftlinien von Concepción entfernt und der Weg ueber Landstrassen ist fast doppelt so lang. Vergangenes Jahr hatte der Staat der Stadtverwaltung von Concepción ein Boot zur Verfuegung gestellt, mit dem sie sich um Notfaelle von Indigenas, die noerdlich von Concepción am Fluss wohnen, in Porto Colón und andere Gemeinden, kuemmern kann. Im Falle der drei verstorbenen Kinder traff das Boot zwar ein, aber erst zwei Tage nachdem der Líder von Porto Colon das Krankenhaus verstaendigt hatte. So starben die drei Kinder im Boot auf dem Weg zum Krankenhaus.
Im Moment üeberlegen wir, was getan werden muss, damit so etwas nie wieder vorkommt. Denn die medizinische Versorgung fuer indigene Gemeinden ist generell ziemlich schlecht, so starben allein in der Gemeinde der Sawhoyamaxa in den vergangen Jahren 18 Kinder an  Krankheiten, die bei besserer medizinischer Betreuung heilbar gewesen wären..

Fuer mich war der Januar ein erfolgreicher Monat. Ich bin nun endlich mit der Uebersetzung der Website fertig geworden. Im Moment arbeiten wir noch am letzten Schliff fuer das neue Design, in wenigen Wochen sollte die neue Seite dann Online sein.

EINE PERSÖNLICHE BITTE:

Zum Schluss moechte ich noch eine freudige  Nachricht in eingener Sache bekannt geben: Mein Blog wurde auf dem Sprachportal Lexiophiles fuer die „The Top 100 International Exchange and Experience Blogs 2010“ nominiert. Wer an meinem Blog gefallen hat und mich unterstuetzen moechte, kann auf

http://www.lexiophiles.com/ix09/vote-for-ix10

bis zum14.Februar seine Stimme abgeben. Darüber würde ich mich sehr freuen.

Vielen Dank, Gruesse und bis zum naechsten Mal

Nicolas

„Advent, Advent – aber kein Lichtlein brennt“

22. Dezember 2009

unser "Weihnachtsbaum" - aus Plastik und Fieberglas

Weihnachten steht vor der Tuer. Aber bei 36º C im Schatten fuehlt es sich nicht wirklich weihnachtlich an. Adventskranz, -kalender und Weihnachstmarkt gibt es hier nicht, Weihnachtsdekoration an oder in Haeusern habe ich kaum gesehen. Das ist ein krasser Gegensatz zu den Erfahrungen meines Auslandsjahres in Kanada, wo die Weihnachtsbeleuchtung, die an fast allen Haeusern massig vorhanden war, die Nacht erhellte. Auch Tannenbaeume sind hier nicht verbreitet und wenn, dann nur aus Plastik. Hier ist es dagegen ueblich, dass man ein Krippenspiel im Wohnzimmer stehen hat.  Leider gibt es keine selbstgebackenen Weihnachtsplaetzchen. Vorallem aber faellt auf, dass die Schaufenster von Geschaeften nicht so krass dekoriert sind wie in Deutschland.  Zusammenfassend laesst sich sagen, dass Weihnachten hier nicht so kommerzialisiert ist, dass  liegt wohl daran, dass viele Paraguayer es sich nicht leisten koennten, ihr Geld fuer so etwas wie Weihnachtsdekoration auszugeben. Deshalb schenken sich die meistens Paraguayer, so wie auch meine Familie, auch keine Geschenke.

Seitdem es so heiss geworden ist, treffen sich abends Leute zu kleinen Parties in Parks oder einfach auf der Strasse und hoeren bis in die Morgenstunden laute Musik aus ihren Autos. Die Idee der stillen Nacht, heiligen Nacht scheint hier wohl auch nicht so verbreitet zu sein.

Vier Monate in Tierraviva

Dass die laute Musik die arbeitende Bevoelkerung beim Schlafen stoeren koennte, scheint die Feiernden nicht zu wirklich interessieren. Ich will mich aber auch nicht zu sehr darueber beschweren, da ich zum Einen erst seit Kurzem zur arbeiten Bevoelkerung gehoere und auf der anderen Seite auch nicht immer nur stillschweigend die Nacht verbracht habe.
Ich habe aber festgestellt, dass es etwas anderes ist, mogens zur Arbeit als zur Schule zu gehen. Der groesste Unterschied ist, dass sich, falls ich mal morgens zu spaet komme, niemand aufregt, da meine Kollegen selbst nicht

ein Geburtstag wird im Buero mit einem gemeinsamen Mittagessen gefeiert

immer puenktlich sind. Ausserdem finde ich meine Arbeit ziemlich interessant und ich habe doch das Gefuehl, dass Tierraviva wirklich etwas bewegen kann. Meine Arbeit- momentan das Uebersetzen der Website – bringt meiner NGO wirklich etwas und ist keine Arbeitsbeschaffungsmassnahme, wie es in den Projekten von befreundeten Freiwilligen schon vorgekommen ist.  Wahrscheinlich gefaellt mir meine Arbeitsstelle auch deshalb  so gut, weil meine Kollegen sehr engagiert arbeiten, aber in der Mittagspause immer Zeit fuer Scherze habe. Zudem sind sie immer freundlich und bereit, mir Dinge auch zweimal zu erklaeren. Ich bewundere sie ein bisschen dafuer, dass einige, obwohl sie schon seit 15 Jahre fuer die Rechte der Indigenas kaempfen und auch schon einige herbe Niederlage einstecken mussten, die Motivation und gute Laune noch nicht verloren haben.

Uebrigens: die Entscheidung ueber das Alternativland der Yakye Axa und Sawhoyamaxa wurde in den Januar vertagt, wie auch der Rechtsspruch ueber den Antrag, der Senatorin und Praesidentin der Kommission fuer Menschrechte de Acha die parlamentarische Immunitaet zu entziehen.

Futbol

Der ein oder andere mag sich ja schon gefragt haben, warum ich an dieser Stelle so haeufig und viel ueber den Fussball hier berichte. Das liegt hauptsaechlich daran, dass Fussball hier Teil der Kultur ist. Jeder hier ist Fan eines Teams – unabhaengig des Geschlechts, Alters oder sozialem Stand. Fan sein ist hier aber nicht dasselbe wie Fan sein in Deutschland. Das Extrem sind hier die Ultras, die alle Spiele ihres Vereins im Stadion besuchen und sich fuer ihren Verein mit Fans anderer Vereine schlagen oder in einem traurigen Fall sogar toeten.

Auf der anderen Seite, die „Fans“ die sich nicht mal die Zusammenfassungen der Spiele im Fernsehen anschauen oder Zeitungsberichte darueber lesen, sich aber trotzdem freuen, wenn sie hoeren, dass ihr Verein gewonnen oder der Erzrivale verloren hat.

Allerdings habe ich bis jetzt noch nie eine Diskussion ueber Taktik oder Aufstellung mitbekommen. Das mag auch daran liegen, dass man bei manchen Spielen hier das Gefuehl hat, dass ueberhaupt keine Taktik vorhanden ist. Die Spieler stehen nie so oekonomisch ueber das Feld verteilt wie in Europa und oft wird viel zu lange erfolglos  rumgedribbelt anstatt einen gescheiten, schnellen Pass zu spielen. Matthis, ein anderer deutscher Zivi, bezeichnete den Fussball hier als „unterirdisch“ und ich glaube, dass die Vereine der paraguayischen Liga nur auf dem Niveau der 3. Bundesliga sind. Es gibt zwar sehr viele gute, suedamerikanische Fussballer, die spielen allerdings in Europa.

Mit diesen letzten Eindruecken verabschiede ich mich nun in die „Winterpause“. Zwischen Weihnachten und Neujahr werde ich mit meiner Gastfamilie u.a. nach Argentinien reisen. Der naechste Bericht kommt dann im Januar.

Ich moechte mich bei allen meinen Lesern bedanken, die letzten Artikel hatten immerhin je 120! Und wuensche allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.

Feliz Navidad y Feliz Año Nuevo

Nicolas

Sojafarmer bespruehen Dorf der Ingidenen mit Pestiziden

9. Dezember 2009

Inzwischen ist es schon Dezember und die Weihnachtszeit hat begonnen. Da erst ist mir aufgefallen, wie schnell die Zeit vorbeigegangen ist, seitdem ich vor vier Monaten hier angekommen bin.

Ich hab hier schon viel erlebt, aber was ich vergangenen Monat erfahren habe, ist einfach unglaublich, ziemlich heftig und irgendwie wahnsinnig: Die Gemeinde der Ava-Guarani nahe Itakyry wurde aus der Luft von Sojafarmern mit Pestiziden besprueht! Was war passiert, dass es zu so einem inhumanen Angriff kam?

Demonstration vorm Senatsgebaeude. Foto wurde vom Besucherbalkon des Senatsgeschossen

Die INDI (staatliche Behoerde zustaendig fuer Indigenas) hatte das Landstueck nahe Itakyry, im Osten Paraguays gekauft, damit die Ava-Guarani dort friedlich auf dem Land ihrer Vorfahren leben konnten. Allerdings hatte die INDI den Landtitel noch nicht an die Ava-Guarani transferiert. Farmer wollten das Land der Itakyry zum Anbau von Soja benutzen, deshalb legten sie einem lokalen Staatsanwalt eine vermutlich gefaelschte Besitzurkunde vor. Dieser gab ihnen, auf Geheiss der Senatorin de Acha, Recht und die Erlaubnis zur Zwangsraeumung. Also kamen am 6. November ca. 50 Maenner und versuchten die Ava-Guarani zu vertreiben. Diese widersetzten sich, verteidigten sich – und das ist kein Witz – mit Pfeil und Bogen und vertrieben so die Maenner. Ein paar Stunden spaeter kam ein Flugzeug und spruehte Pestizide, die normalerweise beim Sojaanbau verwendet werden, ueber die Gemeinde.
200 Personen der Ava-Guarani Gemeinde waren betroffen, sieben mussten

die Demonstration, im Hintergrund das Senatsgebaeude

sogar ins Krankhaus gebracht werden. Am 23.November gab es eine Demonstration der Ava-Guarani und sympatisierender Indigenas vor dem Senatsgebaeude, bei der ich zusammen mit dem Praesidenten von Tierraviva anwesend war.

Auf Bitten mehrerer indigener Gemeinden hat die RED DE ENTIDADES PRIVADAS AL SERVICIO DE LOS PUEBLOS INDIGENAS EN EL PARAGUAY, ein Netz in dem alle NGOs, die sich fuer die Rechte der Indigenas einsetzen, Mitglied sind, einen Antrag an den Vorsitzenden des Senats gestellt, der Senatorin de Acha die palamentarische Immunitaet zu entziehen um so rechtlich gegen sie vorgehen zu koennen.

Senatorin da Acha bei einer oeffentlichen Anhoerung gegen Menschrechtsverstoesse(Frau in der Mitte)

Denn sie hat gegen das demokratische Prinzip der Gewaltenteilung verstossen, als sie, als Teil der Legislative, den Staatsanwalt, der Teil der judikativen Gewalt ist, dazu draengte, den Raeumungsbefehl auszustellen. Ausserdem hat sie in der Debatte ueber den Enteignungsantrag fuer das Land der Yakye Axa mehrmals gelogen. Es ist schon bittere Ironie des Schicksals, dass sie die Vorsitzende des Senatsausschusses fuer Menschenrechte ist.

Uebrigens: der Antrag der Yakye Axa und Sawhoyamaxa auf Zuweisung alternativer Landstuecke wurde angenommen. Der Senat will bis zum 13. Dezember pruefen wie viel dies kosten wuerde. Einige meiner Kollegen sehen die Sache sehr pessimistisch und zweifeln, dass der Senat interesse daran hat, Land fuer die Indigenas zu enteignen.

Aufgaben im Buero

Santi und Laura bei der Aufnahme der "Micronoticias"

Meine Hauptaufgabe im Buero ist immer noch unsere Internetseite auf Englisch zu uebersetzen. Ab Januar soll diese dann in neuem Design mehrsprachig vorhanden sein.

Unsere Informationen sind allerdings ziemlich unfangreich, sodass sich die Aufgabe doch als Mamutprojekt herausgestellt hat. Des Weiteren bin ich es meistens, der bei Demonstrationen oder anderen oeffentlichen Auftritten Fotos macht. Ansonsten helfe ich natuerlich, wo ich kann. So habe ich einem Indigena erklaert, wie er einen Internetblog einrichten kann. Wer Spanisch kann, kann sich diesen gerne ansehen: http://www.cosmoenxet.blogspot.com/

Letzten Monat war ich auch dabei, wie wir in ein professionelles Musikstudio

im Studio

gegangen sind, um sogenannte „Micronoticias“ aufzunehmen. Das sind ca. zwei-Minuten-lange Audiostuecke, die wir fuer andere Radiosender produziert haben. Diese hatte die Menschenrechtskoordination Paraguays(CoDeHuPy) in Auftrag gegeben. Die Spots stehen alle unter dem Motto „Fuer ein Paraguay ohne Diskrimination“. Darin wird z.B. Aufklaerung ueber die Situation der Indigenas geleistet oder fuer mehr Toleranz gegenueber Schwulen und Lesben geworben.

Hass gegen Indigenas

Egal wo ich hingehe, falle ich schnell durch meine Haut- und vor allem durch meine Haarfarbe auf. Die meisten Leute sind dann interessiert, wo ich herkomme und was ich hier in Paraguay mache. So war es auch, als ich letzten Monat mit einem Freund in einem Schnellimbiss essen war. Die Bedienung war sehr freundlich und neugierig, als sie hoerte, dass ich aus Deutschland kam. Als ich ihr aber ueber meine Arbeit erzaehlte, veraenderte sich ihr Miene schlagartig und sie meinte nur: „Die Indigenas sind alle ein schmutziger, saufender Haufen, die nicht bereit sind zu arbeiten!“ Das Traurige ist, dass ich solche oder aehnliche Reaktionen schon oefters erfahren habe, denn leider haben hier viele Menschen so eine Einstellung zu den Indigenas. Deshalb moechte ich an dieser Stelle für ein wenig Aufklaerung sorgen und mit diesen Stereotypen aufräumen: Es ist zwar richtig, dass viele Indigenas nicht im volkswirtschaftlichen Sinne arbeiten, denn sie wohnen auf ihrem Land und leben vom Jagen und Sammeln, wie sie es schon immer taten, lange bevor die spanischen Eroberer nach Suedamerika kamen. Es gibt aber auch Indigenas, die ganz normale Jobs haben: Im Chaco arbeiten Indigenas haeufig auf den Farmen der Mennoniten, Tierraviva arbeitet mit einem Guarani zusammen, der bald sein Jurastudium beenden wird und vergangenes Jahr sind sogar die ersten zwei indigenen Polizisten vereidigt worden.

Ueber die Indigenas, die noch auf traditionelle Weise leben, moechte ich noch Folgendes hinzufuegen: Sie haben keinen fest durchstrukturierten Tages- und Wochenablauf wie wir. Wenn sie genuegend Nahrung haben, kommt es auch schon mal vor, dass sie einfach tagelang nur vor ihrem Haus sitzen und das Leben geniessen. Durch die fehlendende Tagesstruktur haben sie auch keine gesellschaftlich vorgegebenen Zeiten fuer Alkoholkonsum, so wie es bei uns z.B. den Spruch „Kein Bier vor Vier“ oder die alte Kolonialistenregel „Kein Drink vor Sonnenuntergang“ gibt. Daher sieht man manchmal Indigenas schon um die Mittagszeit betrunken.

Die fehlende Tagesstruktur hat aber auch zur Folgen, dass Krankheit, die durch Stress ausgeloesst werden, wie z.B. das Burn-Out-Syndrom, bei Indigenas nicht vorkommen.

Familienfeier

froehliche Partygesellschaft

Vorletzten Sonntag war der 53. Geburtstag  meines Gastvater Enrique. Die Feier unterschied sich doch deutlich von den Geburtstagsfeiern meiner Eltern in Deutschland. Der groesste Unterschied war wahrscheinlich, dass die Gaeste hauptsaechlich aus der Grossfamilie stammten und nur ein paar Freunde eingeladen waren, das ist hier aber ueblich. Gegen zwoelf Uhr mittags kamen die ersten Gaeste und da wurde auch schon das erste Bier aufgemacht, das bei weitem nicht das letzten bleiben sollte – auch das ist hier bei Familienfeiern ueblich. Eine Stunde spaeter war unser Haus voll mit Gaesten, die sich froehlich und vor allem lautstark unterhielten, es gab viele Getraenke und es wurde ein halbes Schwein gegrillt. Der Hoehepunkt der Feier war sicherlich, dass meine Gastmutter eine professionelle Saengerin organisiert hatte, die ein paar spanische Partyklassiker zum Besten gab. Die Party ging allerdings nur bis in den fruehen Abend, da die meisten Besucher am naechsten Tag arbeiten mussten.

Nebenbei bemerkt, viele meiner Verwandten meinten, dass sich mein

mein Gasteltern tanzten vergnuegt, waehrend die Saengerin(im Hintergrund) Partyklassiker zum Besten gab

Spanisch doch ziemlich verbessert hat, seitdem sie mich das letzte Mal gesehen haetten. Dem kann ich mich anschliessen, denn zum einen führe ich immer noch meinen Sprachunterricht mit einem Privatlehrer fort und zum anderen habe ich bald mein erstes Buch auf Spanisch durch gelesen: Harry Potter 3. Das geht relativ gut, da ich den Inhalt noch halbwegs im Kopf habe und mir so haeufig fehlende Vokabeln erschliessen kann.

Das war´s für heute und vielleicht für dieses Jahr. Im naechsten Bericht, werde ich dann ueber die Weihnachtszeit bei ueber 35º C berichten. Bis dahin.

Adios

Nicolas