Der Ueberfall

Die letzten Wochen waren ereignisreich und sind wie im Flug vergangen. Deshalb hat es das folgende Ereignis nicht mehr in meinen letzten, langen Blogartikel geschaft:

Am Mittwoch, den 26. Mai wurde ich ueberfallen.

An diesem Tag war der Fussballverein Club Guarani einen Spieltag vor Ende der Saison paraguayischer Meister geworden. Deshalb ging ich mit ein paar Freuden, die meisten von ihnen Guaranifans, zu einem Kiosk, um mit ein paar Bier darauf anzustossen. Die Stimmung war gut und die Guaranifans gaben das ein oder andere Bier aus. So kam es, dass ich irgendwann die Toilette benutzen musste. Nach zehn Monaten in Suedamerika habe ich mir angewoehnt, in solchen Faellen das „paraguayische Badezimmer“(el baño paraguayo) zu benutzen. Dies ist ein Euphemismus fuer in die Strasse pinkeln. Ich ging also um die naechste Strassenecke um zu urinieren.  Kurz nachdem ich mein Geschaeft beendet hatte, spuerte ich auf einmal einen schweren Schlag auf den Kopf. Ich dachte, dass einer meiner angetrunken Freunde sich einen schlechten Scherz erlaubt hatte und sagte auf Spanisch, dass dies ein ziemlich fester Schlag fuer einen Witz sei. Deshalb war ich auch vollkommen schockiert, als ich mich undrehte und mit zwei Pistolen bedroht wurde. Die Besitzer der Waffen schrieen mich an, ich sollte ihnen mein Handy und mein Geld geben. In meinem Schockzustand gab ich meine gesamte Brieftasche. Dies war unnoetig, denn normalerweise wollen Strassenraeuber nur das Bargeld ausgehaendigt haben. Danach verschwanden die vier Personen auf zwei Motorraedern genau so schnell wie sie gekommen waren. Erst jetzt stellte ich fest, dass ich am Kopf blutete. Die Raeuber hatten mich mit dem Griff der Pistole auf den Kopf geschlagen. Ich kehrte zu meinen Freunden zum Kiosk zurueck, die die Polizei benachrichtigten und feststellten, dass ich eine kleine Platzwunde am Kopf hatte. Bis die Polizei eintraf verging eine ganze Weile, nach den Taetern zu suchen waere reine Zeitverschwendung gewesen, deshalb fuhr uns der Streifenwagen ins Krankenhaus. Dort wurde meine Wunde mit zwei Stichen genaeht.
Die Geschichte hoert sich zunaechst ziemlich schockierend an. Deshalb moechte ich ein paar Dinge ins richtige Licht ruecken: Paraguay ist kein Land, in dem man taeglich Angst um sein Leben haben muss. Es ist sogar, was Kleinkriminalitaet angeht, eines der friedlichsten Laender Suedamerikas. Ein solcher Ueberfall haette auch in Frankfurt passieren koennen. Das Kiosk befindet sich in der Naehe eines grossen Einkaufszentrums in einer ruhigen Gegend. Dort wohnen mehrere meiner Freunde und wir haben dort schon heufig abends getrunken, ohne dass etwas passiert ist. Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Waere ich fuenf Minuten frueher oder spaeter gegangen, haette ich nicht dort gestanden, als die Taeter auf ihren Motorraedern vorbei fuhren. Ich hatte zudem Pech, dass ich um die Strassenecke ging und so ausser Sichtweite meiner Freunde war. Diese standen naemlich keine 20 Meter Luftlinie vom Geschehen entfernt. Auch die Wunde war nicht wirklich schlimm: Waehrend wir auf die Polizei warteten ging ich ins Haus eines Freundes und schrieb dort eine Email an meine Eltern, sie sollten schnell die Kreditkarte sperren lassen. Den Ueberfall an sich fand ich persoenlich nicht dramatisch, durch Alkohol und Adrinalin im Blut verspuerte ich auch keine Schmerzen. Der administrative Aufwand nach dem Ueberfall ging mir allerdings ziemlich auf die Nerven. So musste ich zweimal fuer meine Anzeige zum Polizeirevier fahren, das sich am anderen Ende der Stadt befindet. Meinen Mobilfunkbetreiber musste ich sogar dreimal aufsuchen, bis dieser meinen Chip wieder aktivierte.
Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass ich Glueck im Umglueck hatte und haette ich den Raeubern nicht meine Brieftasche geben, waere ich am naechsten Morgen ganz normal zur Arbeit gegangen.

Yakye Axa ist an alternativem Land interessiert

Bei Tierraviva gibt es sehr interessante, sogar zukunftsweisende Neuigkeiten: Der paraguayische Staat hat der Gemeinde Yakye Axa,

Indigenas der Yakye Axa Gemeinde

ueber die ich von dieser Stelle schon haeufig berichtet habe, alternatives Land angeboten. Dieses ist flaechenmaessig etwas groesser als der Teil, den sie von ihrem urspruenglichen Territorium forderten und ist qualitativ gleichwertig. Sollte die Gemeinde das Land annehmen -und danach sieht es im Moment aus – hat das Folgen fuer unsere Arbeit. Denn dem urspruenglichen Land, das die Yakye Axa zurueckforderten, konnte man antrophologisch einwandfrei nachweisen, das dort tatsaechlich ihre Vorfahren gewohnt hatten. D.h. es bestand kein Zweifel, dass dieses ihr Land ist. Folglich kann der Staat also bei zukuenftigen Klagen von indigenen Gemeinden auf Rueckgabe ihre  urspruenglichen Landes das Argument verwenden, dass selbst die Yakye Axa sich auf alternatives Land eingelassen haben. Das ist deshalb bedeutend, weil die Indigenas sich mit ihrem urspruenglichen Land starke identifizieren , u.a. weil dort ihre Vorfahren begraben sind.
Vielleicht bereuen die Yakye Axa diese Entscheidung in ein paar Jahren. Allerdings kann man ihnen ihre Zustimmung nicht uebel nehmen. Denn sie leben jetzt seit 20 Jahren neben einer Landstrasse, durch einen Zaun von ihrem urspruenglichen Land getrennt, das heute in privatem Besitz ist.(siehe Artikel Get Up, Stand Up). Ein Yakye Axa, der genau so alt ist wie ich, ist am Strassenrand gross geworden und hat dort sein gesamtes Leben verbracht. In diesen 20 Jahren sind 37 Mitglieder der Gemeinde an den schlechten Lebensbedingungen gestorben. In diesem Zeitraum hat der Staat massenhaft Versaeumnisse der gesetzlich vorgeschriebenen Gesundheits- und Wasserversorgung der Gemeinde zugelassen. Waehrend dieser zwei Dekaden ist die Gemeinde, nachdem alle Versuche auf nationaler Ebene gescheitert sind, vor die Inter-Amerikanische Kommission und danach vor den Inter-Amerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte gezogen und hat dort das Recht auf ihr Land bekommen. Der Staat aber lehnte die vom Gerichtshof vorgeschrieben Enteignung in einer skandaloesen Sitzung ab (siehe Artikel Fern von jeglicher Rechtsstaatlichkeit).
Der Verkehr auf der Landstrasse hat in letzter Zeit so stark zugenommen, dass durch den Laerm nicht einmal mehr in der Schule unterrichtet werden kann.

Nach dieser langen Leidensgeschichte kann man verstehen, dass wir die Entscheidung der Yakye Axa akzeptieren. Auch wenn sie uns die Arbeit in Zukunft schwerer machen wird.

Einbick in ein anderes Weltwaerts-Projekt

grosser Hof mit Fussballplatz zum Austoben

Vergangene Woche liess ich meine Arbeit fuer zwei Tage ruhen, um in diesem Zeitraum das Projekt eines befreundeten Zivildienstleistenden kennen zu lernen. Lukas  hat wie ich vergangenes Jahr Abitur gemacht und leistet nun seinen Zivildienst ebenfalls im Rahmen des Weltwaertsprogramms in Asunción. Sein Projekt heisst Esperanza (zu Deutsch Hoffnung) und ist Arbeit mit sehr armen Kindern. Er arbeitet in einer Einrichtung, die mit einem deutschen Hort vergleichbar ist. Die Eltern der Kinder sind Strassenverkaeufer. Sie wohnen in Slums in den Vororten von Asunción und kommen taeglich ins Zentrum der Stadt um dort Kaugummi und aehnliche Kleinigkeiten an vor Ampeln wartende Autofahrer zu verkaufen. Das Projekt Esperanza bietet den Eltern an, dass  ihre Kinder nach Schulschluss in den  Hort kommen koennen. Dort koennen diese spielen, bekommen Mittagessen und Nachhilfe. Im Gegenzug  muessen die Eltern versprechen, dass sie ihren Kindern verbieten, selber Waren in der Strasse zu verkaufen. Denn fuer die Kinder ist es schwer nachzuvollziehen, dass sie, wenn sie heute in die Schule gehen anstatt Muelltueten zu verkaufen, in ein paar Jahren eine deutlich besser Beschaeftigung finden koennen als ihre Eltern.
Lukas‘ Hauptaufgabe dort ist die Kinderbetreuung. Es gibt aber zahlreiche Nebenaufgaben, wie z.B. Organisation des Mittagessens

Gruppenbesprechung vor der Nachhilfe

und Reparaturen.Finanziert wird das Projekt durch den Staat; die Einrichtung stellt die benachbarte Kirchengemeinde.
Der Einblick ins Projekt war sehr interessant. Allerdings waere es mir auf Dauer zu anstrengend, schon morgens frueh von tobenden Kindern angesprungen zu werden. Da bin ich doch ganz dankbar, dass man bei Tierraviva morgens erstmal in aller Ruhe einen Kaffee trinken kann und sich dann der Arbeit widmet.

„GOOOOOOOOOOOL de Lucas Barrios“

Ein anderer Lucas sorgt im Moment landesweit fuer Aufsehen: Lucas Barrios, 25, Stuermer in Diensten von Borussia Dortmund und gebuertiger Argentinier hat vor zwei Monaten die paraguayische Staatsbuergerschaft erhalten. Dies war moeglich, da seine Mutter eine nach Argentinien ausgewanderte Paraguayerin ist. Der Nationalitaetswechsel hat rein pragmatische Gruende. Da fuer Stuermer Barrios in der argentinischen Nationalmannschaft hinter Weltfussballer Lio Messi (FC Barcelona), Gonzalo Higuaín (Real Madrid), Diego Milito (Inter Milan) und Carlos Tévez (Manchester City) die Chancen auf eine Einsatz bei der WM schlecht standen, konnte er von Paraguays Trainer „Tata“ Martino leicht fuer die Einbuergerung ueberzeugt werden- mit der Zusage seines

Lucas Barrios (nummer 19) feiert nach einem seiner Tore fuer Paraguay

Einsatzes bei der WM. Verwunderlich ist, wie beliebt Barrios hier ist. Denn die Paraguayer haben keine Sympathie für die Argentiner- gelinde gesagt, fast könnte man auch von Hass sprechen..  und nicht nur von Rivalitaet gegenueber  dem grossen Nachbarn, wie wir das vielleicht von Oesterreichern gegenüber  Deutschen kennen. Diese negative Haltung der Paraguyer gegenüber den Argentiniern  beruht darauf, dass ein Grossteil der Argentinier ziemlich abwertend ueber den Rest Suedamerikas denkt und sich auch so verhält.  Argentinien ist das am weitesten entwickelteste Land Lateinamerikas. Barrios aber ist trotz seines argentinischen Dialekts und der Tatsache, dass er zur WM-Vorbereitung zum ersten Mal ueberhaupt in Paraguay war, beliebt wie kaum ein anderer Nationalspieler. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass er in drei Testspielen drei Tore fuer Paraguay geschossen hat. Da waren alle Vorbehalte schnell vergessen.

Ab heute rollt der Ball endlich wieder. Ich werde sowohl die Spiele der deutschen als auch der paraguayischen Nationalmannschaft verfolgen. Sollte es danach Grund zum Anstossen geben werde ich aber eine richtige Toilette und nicht das „paraguayische Badezimmer“ aufsuchen.

Saludos

Nicolas

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