Der letzte Blog

Hier kommt mein letzter Blogeintrag, der vorletzte ist schon eine ganze Weile zurück, immerhin ist es schon bald sieben Monate her, dass ich wieder in Deutschland zurück bin. Natürlich hätte ich mich früher melden können, aber wie sagen die gelassenen Paraguayer: „vale mas tarde que nunca“ – frei übersetzt: Besser spät als nie. Deshalb kommt hier nun der abschließende Blogeintrag.

„Queres un Terere?“

In meinen bisherigen Einträgen hat ein Thema fast keine Beachtung gefunden, obwohl es eine große Bedeutung hat: das Thema Ernährung. Die Esskultur lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Fleisch! Die Paraguayer lieben, wie die meisten Südamerikaner, das Fleisch. Ein Tag, an dem nicht mindestens eine Mahlzeit Fleisch enthielt, war eine Seltenheit. Wichtig war das Fleisch, unwichtig die Beilage. Diese machte in der Regel auch nur zwischen 15-20% einer Mahlzeit aus. Familienfeste oder Einladung zu Freunden sind meistens mit einem Asado (Grillabend) verbunden. Eine weiteres paraguayisches Essen sind Empanadas. Diese Teigtaschen, die es gefüllt mit Hähnchen, Mais oder Käse und Schinken gibt, sind das lateinamerikanische Fastfood. Das wahrscheinlich „typischste“ paraguayische Gericht ist die

Guampa, der typische Becher des Terere

Chipa, ein Maisbrot, das an jeder Straßenecke verkauft wird. Alle diese drei Gerichte sind, wie auch das restliche Essen in Paraguay, meist sehr fetthaltig zubereitet. Das hat zur Folge, dass es in einem Dritte-Welt-Land wie Paraguay eine Menge Menschen gibt, die an Übergewicht leiden. Bei den Getränken trifft Globalisierung auf Tradition: Coca-Cola ist bei allen sehr beliebt und das, obwohl diese meiner Meinung nach bei über 40°C im Schatten doch eher den Mund verklebt, als erfrischt. Die Hitze ist wahrscheinlich der Grund, warum Terere das paraguayische Nationalgetränk ist. Terere, das ist die Bezeichnung für eiskalt gekühlten Matetee. Das Besondere an ihm ist, wie er serviert wird. Dazu benötigt man einen speziellen metallenen Becher, der zur Hälfte mit den Kräutern gefüllt wird, dann wird das eisgekühlte Wasser aus einer Thermoskanne eingegossen. Nun nimmt man sich einen Schluck durch den metallenen Strohhalm und gibt den Becher weiter. Das besondere an Terere ist nämlich, dass man ihm immer gemeinsam trinkt. Es ist üblich, dass bei Besuch oder während Autofahrten, eine Person sich um den Terereservice kümmert, d.h. er oder sie hat die Thermoskanne in der Hand, füllt immer wieder den Guampa, so heißt der metallene Becher, auf und reicht ihn weiter. Diese Tradition kommt von den Indiginas, die schon früh kalte Aufgussgetränke genossen und es, wie ich selbst erfuhr, noch heute tun.

Ein Jahr Tierraviva

Das Terere trinken mit Indiginas war natürlich nur eine von vielen guten Erinnerungen, die mir von meiner Arbeit bei Tierraviva bleiben. Einige werde ich nie vergessen, so z.B. den cholerischen Autofahrer, der mir bei der Demo im Chaco vorwarf, ich hätte die Indigenas dafür bezahlt, dass sie die Straße blockieren. Ich hatte bei Tierraviva eine wirklich gute Zeit und für einen Zivildienstleistenden auch eine äußerst ungewöhnliche Aufgabe. Die Arbeit war neu und ungeheuer interessant und ich wurde immer als vollwertiger Mitarbeiter behandelt. An meinen Aufgaben konnte ich erfahren, dass mir großes Vertrauen entgegengebracht wurde. Eine wichtige Aufgabe für die Öffentlichkeitsarbeit war die Gestaltung der neuen Website. Diese ist nun fertig ( http://www.tierraviva.org.py/ ) Leider sind die von mir ins Englische übersetzten Texte noch nicht hochgeladen. Kommt aber bestimmt noch.

Und auch Kleinigkeiten: Einmal hatten unsere Anwälte keine Zeit hatten, für einen Lider, der nicht Spanisch schreiben

gute Atmosphere bei Tierraviva, hier beim Mittagessen beim Mittagessen mit meinen Eltern

konnte. Es musste ein Brief an Lida Acuña, die Präsidentin der staatlichen Behörde für Indigenas, verfasst werden. Das durfte ich machen. Aber nicht nur die Arbeit selber auch das Umfeld hat mir immer gut gefallen: Die lockere Atmosphäre im Büro sorgte immer für ein gutes, motivierendes Arbeitsklima. In den Pausen wurde viel gescherzt und- wo gibt es das sonst noc h- ich konnte sechs Monate lang mit kurzer Hose und FlipFlops zur Arbeit kommen, was wirklich bequem war bei der großensommerlichen Hitze.

Stolz war, dass ich mit zum Interamerikanischen Gerichtshof kommen konnte. Die Reise dorthin und die Verhandlung waren sehr interessant und ich war ja auch als offizielles Mitglied der Delegation akkreditiert. Das Urteil wurde inzwischen gesprochen und möchte ich es hier nachreichen:

Der Paraguayische Staat ist schuldig der Verletzung der Menschenrechte, der Verletzung gegen das menschliche Leben der Mitglieder der Gemeinde Xákmok Kásek, der Verletzung gegen die Kinderrechte der Gemeinde, der Verletzung gegen die Integrität der Mitglieder der Gemeinde und der Verletzung der Menschenwürde wegen Diskriminierung.

Der Staat ist nun dazu verpflichtet, innerhalb von drei Jahren die geforderten 10700 ha des ursprünglichen Landes der Xákmok Kásek an die Gemeinde zurück zu übereignen. Außerdem muss er die Lebenssituation der Gemeinde auf ihrem Land verbessern, dazu gehört, neben weiteren Entwicklungsprojekten, die Schule der Gemeinde und die medizinische Versorgung zu verbessern.

Als das Urteil bekannt wurde, hat die Xákmok Kásek Gemeinde ein großes Fest gefeiert, zudem auch Tierraviva eingeladen war. Sie freuen sich darauf, nach Hause zu kommen. Der Kampf für ihr Land dauert schon über 20 Jahre. Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass der paraguayische Staat nachdem er zwei Urteile des Interamerikanischen Gerichtshof, die den Indigenas Recht geben, ignoriert hat, nun das dritte ernst nimmt und es zügig umsetzt. Ich befürchte, dass es länger als die vorgegeben drei Jahre dauern wird, bis die Xákmok Kásek ihr Land bekommen. Aber ich habe auch während meiner Zeit bei Tierraviva gelernt, dass man die Hoffnung nie aufgeben soll. Denn obwohl ich erlebt habe, wie schwer es ist, in Südamerika Menschenrechte durch zusetzen, hat das Team von Tierraviva nie aufgeben und ist nach 15 Jahren immer noch sehr motiviert bei der Arbeit. Davor habe ich großen Respekt. Vermutlich haben sie deshalb einen so langen Atem, da Sie auch einiges erreicht haben, so z.B. Rückgabe des Landes an die Gemeinde San Fernando im Mai vergangen Jahres.

La Familia

Rückblickend muss ich sagen, dass ich mit meiner Gastfamilie sehr großes Glück gehabt habe. Sie haben mich sehr herzlich aufgenommen und mich immer wie eines ihrer eigenen Kinder behandelt. Als meine leiblichen Eltern und später meine Schwester zu Besuch kamen, stand immer außer Frage, dass sie in ein Hotel gehen würden. Sie wurden genauso aufgenommen wie ich. Meine Gastfamilie war relativ wohlhabend, deshalb hatte ich mein eigenes Zimmer, sogar mit Klimaanlage und einen Lebensstandard, der nur gering unter meinem deutschen lag. Für Freiwillige in Paraguay und in den meisten Ländern des Weltwärts- Programms ist das natürlich eine Seltenheit.

Meine Gasteltern mit ihrem "blonden" Sohn

Darüber hinaus hatte ich die Freiheit eines Erwachsenen, aber fast keine Pflichten, da ich wie die meisten Jungen in Südamerika im Hotel Mama mit Vollpension lebte. Vor allem bei Amhed, dem

jüngsten meiner Gastgeschwister muss ich noch einmal bedanken, da ich ohne ihn am Anfang, als mein Spanisch noch schlecht war, total aufgeschmissen wäre.

Nicolas in Paraguay

Das war nicht nur der Name meines Blogs, sondern auch eine Zeit meines Lebens, in der ich eine Fülle von Erfahrungen machte. Denn das Leben in Südamerika ist ein Abenteuer. Chaotisch, aus der Sicht eines Europäers, aber es wurde nie langweilig. Man kann zwar nichts im Voraus planen, sondern entscheidet alles spontan, aber das stört niemanden. Überhaupt fand ich es von Anfang an faszinierend, dass sich Latinos an scheinbar nichts stören. An erster Stelle muss der Lärm genannt werden, der allgegenwärtig ist. Im Straßenverkehr sorgen die Autos und Busse nicht nur für dicken Smog, sondern auch für einen unglaublichen Lärmpegel. Auf der Straße hört man aus vielen Geschäften und Häusern laute Musik und fliegende Händler versuchen, über diesen Lärmpegel hinweg ihre Produkte anzupreisen. Auch Verhalten anderer wird meistens toleriert und nur selten macht man anderen Menschen Vorschriften, so stört es die meisten paraguayischen Eltern überhaupt nicht, wenn ihre Kinder den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken. Kritisiert wird eher selten und meist nur sehr sanft. Das hat mit dem Harmoniebedürfnis zu tun, dass bei Latinos sehr ausgeprägt ist. Dieses hat auch zur Folge, dass es völlig normal ist hinter dem Rücken über Leute zu lästern, während man eine andere Person von Angesicht zu Angesicht nur selten kritisiert. Deshalb bezeichnen Latinos Europäer als kalt, da wir doch meistens sehr ehrlich und sehr direkt mit einander umgehen und scheinbar nicht so viel zwischenmenschliche Nähe brauchen.

Während meines Jahres in Paraguay habe ich die Kultur immer besser verstanden und konnte so auch besser mit den Menschen umgehen. Dadurch lernte ich auch die Unverbindlichkeit von Aussagen zu interpretieren. So ist es vollkommen normal Pläne für das nächste Wochenende zu schmieden. Während in Deutschland das nächste Wochenende auch das nächste Wochenende ist, kann in Paraguay mit dem nächsten Wochenende auch irgendein Wochenende gemeint sein. Auch Uhrzeiten sind immer unverbindlich. Man kommt meistens ein bis zwei Stunden später,als die verabredete Zeit. Wenn man sich einmal an die Hora paraguaya(paraguayische Zeit) gewöhnt hat ist es schwer, wieder die deutsche Pünktlichkeit einzuhalten. Auch an die innere Ruhe der Menschen habe ich mich innerhalb des Jahres gewöhnt. Am Anfang bereitete es mir noch Sorgen, wenn unsere Radiomoderatoren zwei Minuten vor Sendebeginn noch nicht an ihrem Platz saßen. Mit der Zeit beunruhigte mich das nicht mehr, da sie es immer noch in letzter Minute schafften.

Insgesamt möchte ich all diese Erfahrungen nicht missen.

Nicolas in Deutschland

In Deutschland angekommen, musste ich mich erst einmal an das Leben hier wieder gewöhnen. Zum einen war es interessant zu sehen, wie strukturiert hier alles ist. So hängt hier in fast jedem Gebäude ein Notfallplan, falls Feuer ausbricht. In Paraguay macht man sich darüber nicht so viele Sorgen. Mit der Pünktlichkeit klar zu kommen, viel mir am Anfang nicht leicht. Auch an die Zurückhaltung der Paraguayer hatte ich mich gewöhnt.

Inzwischen bin ich wieder in Deutschland reintegriert. Seit dem vergangenen September studiere ich Volkswirtschaft in Mannheim. Das ist zwar nicht ganz so abenteuerlich aber auch interessant. Oft

denke ich noch an dieses Jahr zurück und muss Schmunzeln, über vieles, was ich alles erlebt habe. Dass ich wegen mangelnder Hygiene häufig krank war und den überfallen wurde, habe ich vergessen. Ich möchte auf jeden Fall wieder nach Paraguay reisen und meine Gastfamilie und Freunde besuchen. Auch meine emotionale Bindung zu Lateinamerika bleibt bestehen.

Aber ewig dort leben könnte ich nicht, dafür bin ich dann im Innern wahrscheinlich doch zu Deutsch.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich jedem, der diesen Blog spannend fand, empfehlen möchte, einmal nach Südamerika zu reisen. Er oder sie wird wahrscheinlich auch eine aufregende Zeit dort haben. Ich möchte ich auch bei allen Leserinnen und Lesern meines blogs bedanken. Mein besonderer Dank gilt meinem Unterstützerkreis.

Verabschieden möchte ich mich mit den Worten

Adios Amigos

Euer

Nicolas

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