Wie geht es weiter mit den Rechten der Indigenas

Dass ich seit laengerer Zeit nichts mehr von mir habe hoeren lassen, liegt daran, dass es im Buero seit Wochen sehr viel zu tun gibt.

Don Tomas Galeano im Rollstuhl

Ein Monat ist vergangen, seitdem der Senat den Antrag, den Yakye Axa Indigenas ihr Land zurueck zu geben, abgelehnt hat. Wir sind danach ins Chaco gefahren und haben der Yakye Axa Gemeinde ueber die Entscheidung des Senats berichtet, sie waren sehr traurig darüber. Am Meisten aber hat sie aber geaergert, wie ihr ehemaliger Lider Tomas Galeano von Senatorin de Acha dargestellt wurde. Denn Don Tomas Galeano, der großen Respekt genoss, reiste als Vertreter seines Stammes mit Tierraviva zum  Interamerikanischen Gerichtshof fuer Menschenrechte nach Costa Rica und gewann   den Prozess fuer die Rueckgabe des Lands seines Stammes. Selbst im hohen Alter wollte er noch an Demonstrationen teilnehmen und so schob man ihn im Rollstuhl sitzend an der Spitze des Demonstrationszuges her.
Deshalb haben die Yakye Axa beschlossen, dass sie vor allem sein Ansehen in der Oeffentlichkeit wiederherstellen wollen. Des Weiteren haben sie das Abstimmungsergebnis des Senats – wenn auch frustriert – akzeptiert und sind nun bereit auf ein anderes Landstueck in der Naehe zu ziehen.

Weiter oestlich an der Strasse zwischen Pozo Colorado und Conception ist die Gemeinde der Sawhoyamaxa Indigenas, die

Lage der Landstuecke der Yakye Axa u Sawhoyamaxa

auch in rechtlichen Angelegenheiten von Tierraviva vertreten wird. Sie bekam 2006 vom Menschrechtsgerichtshof das Recht auf ihr Land zugesprochen. Auch sie muessen immer noch am Straßenrand leben, denn der paraguayische Staat hat bis jetzt noch keine Anstrengungen unternommen, das Land, das heute im Besitzt des deutschen Großgrundbesitzers Heribert Roedel ist, fuer sie zu zurueck zu gewinnen und den Eigentümer zu enteignen. Und das obwohl der Fall, wie auch der der Yakye Axa, unter Beobachtung von Amnesty International steht.

Die Sawhoyamaxa befuerchteten, dass auch ihrem Antrag auf Rueckgabe ihres  Landes im Senat die Ablehnung drohte. Deshalb haben sie beschlossen, vom Staat Paraguay  zu fordern, fuer sie und die Yakya Axa ein Landstueck in der Umgebung zu kaufen. Damit sie nach jahrelangem Leben (falls man das so nennen kann) an der Strassen endlich wieder auf ihre Weise leben koennen. Deshalb treffen sich die Lider beider Gruppen diese Woche mit Vertretern des Staates.
Ich moechte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass die Urteile des Menschenrechtsgerichtshofs verbindlich vorsehen, dass der Staat sowohl den Sawhoyamaxa als auch den Yakye Axa jeweils das Land ihrer Vorfahren zurück kauft. Beide Landstuecke hatten eine Groesse von ca. 15 Hektar. Für uns Deutsche ist es unvorstellbar, dass eine Regierung ein Urteil eines obersten Gerichts nicht umsetzt. Erst wenn man so etwas wie in Paraguay erlebt, weiß man den Rechtsstaat zu schätzen.
Dabei geht es in der Auseinandersetzung um mehr als ein Stueck Land: Fuer beide Gemeinden ist es wichtig, dass sie innerhalb des Großraums leben koennen, in dem ihre Vorfahren frueher als Nomaden umherzogen. Denn Guarani sind eng mit dem Land ihrer Väter verbunden.

Im Büro wird zurzeit heftig diskutiert, was wir von Tierraviva machen, wenn der Staat die Forderung annimmt und vor allem, was wir tun, wenn er sie nicht annimmt.

Ich selbst übersetze  die Website von Tierraviva ins Englische. Die Website soll spaetesten zu Beginn des kommenden Jahres ein neues Layout haben und neben Spanisch auch in Englisch und Franzoesisch zur Verfuegung stehen. Das Uebersetzen ist auch eine gute Methode meinen spanischen Wortschatz zu vergroessern.

Hace mucho Calor

Die Arbeit macht viel Freude, ist im Moment aber ziemlich anstrengend, da es hier seit zwei Wochen 38°C im Schatten ist und wir im Kommunikationsbuero nur schlechte Ventilatoren haben. Zum Glueck bin ich einer der wenigen AFSler, der den Luxus genießt, ein Schlafzimmer mit Klimaanlage zu haben. Trotzdem merke ich, wie die Hitze mir tagtaeglich zu schaffen macht, dass ich mich haeufiger Ausruhen muss und vor allem dass ich einer alten Lebensweisheit meiner Mutter folgen soll: “Und viel trinken!“ Vor allem beim Fußballspielen komme ich schneller an meine Leistungsgrenze. Selbst die Paraguayer haben inzwischen eingesehen, dass es ziemlich heiß ist, was bei 30°C noch nicht der Fall war. Fuer eine Siesta waehrend der Mittagshitze die Arbeit zu unterbrechen, wie es z.B. in Spanien ueblich ist, ist hier nicht sehr weit verbreitet. Das liegt vor allem daran, dass es hier selbst im Sommer nur bis halb Neun hell ist und man nach einer Siesta gar nichts mehr vom Tag haette. Dafuer wird das Wochenende dann von den meisten Leute dazu genutzt,sich auszuruhen und einen Tag Zuhause mit der Familie zu verbringen. Deshalb wirkt die Innenstadt von Asuncion sonntags wie ausgestorben.

Die Hitze ist auch der Grund, dass es in den letzten drei Wochen abends zweimal Stromausfall gab. Denn abends haben alle Licht und Klimaanlage bzw. Ventilatoren an und dazu meist noch den Fernsehen laufen. Dadurch wird das Stromnetz ueberlastet. Das wird diesen Sommer auch noch haeufiger vorkommen und ist hier voellig normal. Im Gegensatz zu dem grossen Stromausfall in Brasilien, an dem ein Defekt eines Kraftwerks Schuld war, dauerten die Ausfaelle hier auch nicht laenger als 30 Minuten. Die Paraguayer nehmen das ganz locker: Man nimmt sich einen Stuhl, eine Kerze und ein Getraenk und setzt sich in den Garten bzw. vor das Haus und unterhaelt sich, bis das Licht zurueckkommt.

Als die Hitze anfing, kamen leider auch massig Kakerlaken aus der Erde. Anfangs hab ich mich sehr geekelt, da man so etwas aus Deutschland nicht gewohnt ist. Vor allem aber weil die Kriechtiere hier ca. 6cm groß sind. Mit der Zeit behandele ich sie aber nach der Devise: drauf treten und tot sind sie!

Kulturelle Unterschiede: die Kommunikation

Eine meiner interessantesten Erkenntnis der letzten Wochen ist,  wie unterschiedlich hier doch im Gegensatz zu Deutschland kommuniziert wird. Darauf hatte man uns beim Vorbereitungseminar schon vorbereitet- theoretisch. Aber es in der Praxis  zu erleben ist dann doch noch mal eine komplett andere Sache
In Deutschland ist man doch meist ehrlich zueinander, uebt Kritik und scheut auch eine Debatte bzw. einen  Streit nicht. Hier hingegen ist man, wenn man sich begegnet, immer freundlich, auch wenn man sich nicht mag. Ist die andere Person aber nicht dabei, wird, auch vor Gruppen, ueber sie „gelaestert“. Dieses Verhalten, das man in Deutschland als hinterfotzig beschreiben wuerde, ist in Suedamerika vollkommen normal. Die andere Person findet aber meist schnell heraus, dass ueber sie gesprochen wurde. Denn hier wird jede Kleinigkeit rumerzaehlt, hier herrscht eine wahre “Plauderkultur“. Dem entsprechend gibt es auch keine Geheimnisse. So hat meine Gastmutter selbstverständlich  der gesamten Familie erzaehlt, dass ich mit Durchfall von meiner letzten Dienstreise aus dem Chaco wiedergekommen bin. Für mich war es ungewoehnlich, aber für meine Familie völlig normal, dass mich einer meiner Onkel an ihrem Geburtstag vor den versammelten Partygaesten fragte, ob ich den Durchfall  nun auskuriert haette.

Fùtbol

Wenig Freude hat mir der Fußball diesen Monat gebracht. Cerro Porteño, der Lieblingsverein meiner Familie, ist im Halbfinale der Copa Sudamerican (so etwas wie die Europa League) ausgeschieden. Wenn man allerdings ehrlich ist,  koennen wir froh sein, dass sie ueberhaupt so weit gekommen sind. Trotzdem hat mein Gastbruder nach Abpfiff fast angefangen zu weinen.

friedliche Cerrofans: 2 Cousins, ich u Gastbruder

Im Stadion konnte ich beobachten, wie sich waehrend des Spiels der Missmut breit machte und die Cerrofans im Stehblock sich  zuerst gegenseitig mit Plastikbecher bewarfen und dann sogar eine Schlaegerei unter ihnen ausbrach.
Als ich hier in Paraguay ankam war ich zuerst etwas enttaeuscht, dass es hier keinen Alkohol im Stadion gibt. Inzwischen bin ich aber meiner Sicherheit wegen ganz dankbar dafuer und ich kann verstehen, wieso man im Stehblock keinen Guertel tragen darf.
Am Sonntag kam nach dem Superclassico(Derby) in der Liga zwischen Cerro und Olympia zu Ausschreitung. Mein Gastbruder hatte beschlossen, dass wir das Spiel im Fernsehen anschauen, den die Polizei hatte schon vor Ueberschreitungen gewarnt. Das war eine kluge Entscheidung, denn es gab nach dem Spiel bei Schlaegereien viele Verletzte. Vorallem aber hat mich die Nachricht schockiert, dass ein Cerrofan von Olympiaanhaengern erschossen wurde. Er wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen und erlag im Krankenhaus den Folgen. Bei den beteiligten Personen wurde das Fan sein wohl eher fanatisch ausgelebt.

Das war’s soweit. Ich habe beschlossen ab jetzt kuerze Eintraege zu schreiben, dafuer aber haeufiger, dadurch kann ich aktueller sein, was vor allem bei der jetzigen Situation im Buero interessanter ist.

Saludos

Nicolas

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3 Antworten to “Wie geht es weiter mit den Rechten der Indigenas”

  1. Mareile Says:

    Lieber Nic,

    schön, wieder von dir zu lesen. Und supergut ist deine Idee, künftig kürzer und dafür häufiger zu schreiben.
    Dann mal noch fröhliches Schwitzen!

    Wünscht Mareile

  2. Petra K. Says:

    Vielen Dank für den schönen ausführlichen Bericht. Meine Tochter ist gerade als Austauschschülerin in Quiindy und deine Erzählungen ergänzen ihre Beobachtungen ganz hervorragend. Ich werde deinen Blog weiter verfolgen und wünsche dir viel Freude bei deiner Arbeit – lass dich nicht entmutigen!
    Lieben Gruß von Petra aus dem Rheinland

  3. Lars Says:

    Hallo Nic,

    hier in Cali ist es zwar 2-3 Grad kühler als bei dir, aber das macht dann auch nicht mehr viel aus. Zum Glück habe auch ich eine Klimaanlage in meinem Schlafzimmer, sonst würde ich wohl noch Fieberträume bekommen…
    Ich wohne direkt neben dem Fußballstadion und bekomme immer wieder die Randale mit, die hier besonders zwischen Deportivo Cali und America Cali ausbrechen. Und heute wurden in Cali 6 Menschen erschossen – nicht beim Stadion, sondern schicksalhafterweise auf dem Friedhof. Aufklärungswahrscheinlichkeit? Nahe Null. Verdammt, der deutsche Rechtsstaat hat echt was.

    Lars

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