Get Up, Stand Up!

Ich wohne jetzt seit mehr als einem Monat  in Asuncion und auf die Frage, wie es mir geht , sage ich: Es geht mir sehr gut!
Ich habe mich hier gut eingelebt und komme mit den meisten Menschen aus meinem Umfeld gut zurecht. Ich spreche noch nicht fliessend und nur mit deutschem Akzent Spanisch, trotzdem gebe ich mir muehe zu verstehen,was gesagt wird. Das wirkt  sympatisch auf die meisten Leute, so dass diese dann bereit sind, mir Dinge auch mehrmals zu erklaeren. Eine Erfahrung, die ich schon waehrend meines Schuljahres in Kanada gemacht habe.
Seit meinem letzten Blogeintrag habe ich viel erlebt.

Viel Neues bei Tierraviva
Vorallem in meinem Job gab es einige aufregende Ereignisse. An erster Stelle steht natuerlich die Demonstration im Chaco der Yakye Axe und Sawhoyamaxa Indigenas am 1. September. In meinem letzten Blogeintrag hatte ich schon die rechtliche Situation geschildert, nun war es also an der Zeit, dass die Indigenas fuer ihre Rechte aufzustehen. Schon Mitte Juli hatte

direkt hinter den Huetten faengt das Grundstueck eines Grossgrundbesitzers an

dieses Dorf der Yakye Axa liegt zwischen der Strasse und einem Grundstueck

sich die Coordinadora de Líderes Indígenas del Bajo Chaco (Clibch) , ein Dachverband der Indigenen im Chaco, getroffen und beschlossen, etwas zu unternehmen um den Staat zum Handeln zu bringen. Denn im Mai waren die Frist von drei Jahren, die der Staat Zeit hatte um den Indigenas ihr Land wiederzugeben, abgelaufen. Vor allem vom neuen, im vergangenen Jahr gewählten ,Praesidenten Fernando Lugo, einem ehemaligen Bischof, der versprach die Verhaeltnisse zu veraendern, erhofften die Indigenen, dass sie nun ihr Land bekommen wuerden. Aber  Präsident Lugo hat noch nicht alle seine Wahlversprechen erfüllt. (Mehr zu Paraguays politischen Verhaeltnissen aber im nechsten Blogeintrag.)

Banner mit den Forderungen

Banner mit den Forderungen

Die Clibch entschied sich, am 1. September die Strassen im Chaco an mehreren Stellen zu blockieren, dadurch sollten moeglichst vielen Leute von demUnrecht erfahren und die Politiker zum Handeln gebracht werden. Tierraviva hat mitgeholfen diesen Protest zu koordinieren, unter anderem in dem sie die Staemme durch die Radioshow und vor Ort ueber den Ablauf informiert haben.
Wir von Tierraviva, vier Kollegen und ich, sind schon am 31.August morgens ins Chaco gefahren. Je weiter noerdlich wir kamen, um so schlechter wurde die Strasse, sodass die Autofahrt am Ende zu einem „Schlaglochslalom“ wurde. Nach vier Stunden Autofahrt haben wir die ersten Kommunen der Yakye Axa erreicht und ihnen Plakate, auf denen in Spanisch die Forderungen an die Regierung standen, gesehen. Die Doerfer zu besichtigen war sehr interessant, da ich keine Vorstellung hatte, wie die Indigenen heute leben:

typische Huette einer Indigenenfamilie

typische Huette einer Indigenenfamilie

Sie wohnen in kleinen Huetten meist aus Holz, einige auch mit Steinen gebaut, manche haben sogar Strom. Ausserdem hat jedes Dorf immer einen kleinen Fussballplatz . Die Indigenen tragen Kleidung wie wir, diese ist meistens alt und oft durch den Wind mit Staub bedeckt. Kommuniziert wird auch nicht mehr durch Rauchzeichen, jedes Dorf hat meistens ein oder zwei Handys.
In den Doerfern wurden wir freundlich empfangen und haben dort mit den Indigenas die letzten Details besprochen.
Das Dorf der Yakye Axa liegt auf einem 50 Meter breiten Streifen zwischen der Strasse und dem riesigen Grundstueck eines Grossgrundbesitzers. Der Staat Paraguay hat es bis jetzt versaeumt ,Teile dieses Grundstuecks fuer die Yakye Axa zu kaufen.
Am 1.September gegen 10 Uhr ging die Demonstration dann los. Die Indigenas sperrten an sechs verschiedenen Stellen Strassen ab, damit moeglichste viele Leute von dem Protest etwas mitbekamen. Wir von Tierraviva waren in Larencia dabei. Hier hatten sich die Indigenen auf die Strasse gestellt und an beiden Enden Plakate aufgestellt, sodass die wartenden Autofahrer ihre Forderungen lesen konnten, ausserdem hatten wir Flyer mitgebracht, die die Indigenen verteilten. Santi, einer meiner Kollegen, sprach staendig am Telefon mit verschiedenen Radiostationen und erklaerte ihnen, warum wir demonstrierten. Die Demonstation war in zwei Teile aufgeteilt: von 10 bis 12 und nach einer Mittagspause von 13 bis 15.

lauter Streit zwischen zwei veraergetern Autofahrern und meinem Kollegen Rodrigo (im gelbem Hemd)

lauter Streit zwischen zwei veraergetern Autofahrern und meinem Kollegen Rodrigo (im gelbem Hemd)

Waehrend der Pause wurde die Strasse freigegeben, damit die Autofahrer nicht zu lange warten mussten.Kurz vor der Pause hatte sich eine kleine Gruppe von veraergerten Autofahren gebildet, die uns lautstark vorwarf, Tierraviva und vorallem ich der „Blanquito“(Weisser) haetten die Indigenen fuers Demonstrieren bezahlt. Das ist natuerlich schwachsinnig.

beim Interview mit einer Mennonitschen Reporterin

beim Interview mit einer Mennonitschen Reporterin

Nach der Demonstratition gab ich ein Interview auf deutsch ueber die Demo und Tierraviva an eine menonitische Radioreporterin. Im Norden Paraguays leben ca. 40.000 deutschsprachige Mennoniten. (http://de.wikipedia.org/wiki/Mennoniten) So konnte ich mich noch  nuetzlich machen.
Die Reise ins Chaco hat mir alles in allem gut gefallen, vorallem meine Kollegen habe ich so besser kennen gelernt. Leider war es sehr heiss und mich haben unglaublich viel Muecken gestochen worden.
Eine Woche spaeter habe ich mit meinem Chef Ricardo ueber den Erfolg der Demonstration gesprochen. Denn natuerlich haben die Indigenas bei vielen Autofahrern durch diesen Streik keine Sympatien  gemacht. Er sagte mir, die Demo sei in der Hinsicht, dass die Indigenas es geschafft haben, zu mobilisieren, ein Erfolg. Leider hatte die Demo keine grosse oeffentliche Aufmerksamkeit genossen, denn die Radiostationen, mit denen wir gesprochen haben, senden nur im Chaco, nicht bis Asuncion, wo sich das politische Leben abspielt. Eine Demo vorm Parlament, wie sie von Tierraviva auch schon organisiert wurde, ist da deutlich effektiver, aber auch um einiges teurer. Da muss man naemlich fuer den Transport der Indigenas aus dem Chaco zahlen.
Die Arbeit allgemein macht mir jetzt mehr Freude Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich mein Spanisch verbessert hat, die Hintergruende der Demo habe ich z.B. komplett in Spanisch erfragt. Ich werde aber trotzdem demnaechst noch einen Spanischkurs besuchen.
Letzten Freitag habe ich mitgeholfen die Anlage fuer unsere Radioshow

Ricardo und Santi, die Moderatoren unserer Radioshow

Ricardo und Santi, die Moderatoren unserer Radioshow

aufzubauen, der ich dann gespannt folgte. Unter anderem ging es um den Besuch von President Lugo im Chaco. Zum Schluss gab ich sogar noch ein kleines Interview in dem ich zuerst auf Spanisch und dann auf Deutsch (fuer die Mennoniten) meine Erfahrungen von der Demonstration praesentierte.

Family life:
Nicht nur in meinem Job, auch in meiner Familie hat sich einiges veraendert: Mein juengster (16) Gastbruder Amhed ist seit letzten Freitag fuer ein Jahr in

Familia Buzarquis am Flughafen: Enrique, Mariza, Amhed, Ich und Tania

Familia Buzarquis am Flughafen: Enrique, Mariza, Amhed, Ich und Tania

Deutschland zum Schueleraustausch. Er wohnt bei einer Familie in Wilhelmshaven. Zum Abschied sind wir beide fuer ein paar Tage nach Ciudad del Este gefahren, dort wohnt und arbeitet Enrique, der Vater. Die Innenstadt von CdE ist ein riesiger Markt mit gefaelschten Sachen, noch groesser und guenstiger als der in Asuncion. Das liegt wohl daran, dass CdE nahe dem Drei-Laender-Eck mit Argentinien und Brasilien liegt.

In CdE haben wir auch den Itaipustaudamm besichtig. Dieser liegt auf der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien und ist nach dem Drei-Schluchten-Staudamm in China der zweitgroesste der Welt. Durch ihn sind fast 90% von Paraguays Energiebedarf abgedeckt. Dort arbeitet auch Enrique.
Amhed ist der Einzige aus der Familie, der fliessend Englisch spricht und mit

Amhed, Freunde und ich am Itaipustaudamm

Amhed, Freunde und ich am Itaipustaudamm

ihm habe ich die meiste Zeit verbracht. Deshalb war ich schon ein wenig traurig, als wir ihm letzten Freitag am Flughaven verabschiedeten. Da schien ich aber nicht alleinzu sein, 25 seiner Mitschueler kamen, um sich von ihm zu verabschieden.

Ersatzreligion Fußball:
Am Flughaven habe ich auch “Tata“ Martino, den Trainer der Fussballnationalmannschaft von Paraguay, getroffen und ein Foto mit ihm gemacht. Paraguay hat sich letzte Woche nach zwei Siegen (gegen Bolivien

zwei Fussballexperten: "Tata" und ich

zwei Fussballexperten: "Tata" und ich

und Argentinien) als zweites lateinamerikanisches Land nach Brasilien fuer die WM 2010 qualifiziert. Nach dem Sieg am Mittwochabend ueber Argentinien, der erste seit 13 Jahren, war die Stimmung in den Strassen ausgelassen. In der Innnenstadt stockte der Verkehr komplett, ueberall tanzten Leute, es wurde gefeiert als waere man schon Weltmeister. Ich hab ja schon erwaehnt, dass Fussball hier so etwas wie eine Religion ist.
Vor drei Wochen gab es el Superclassico (Superderby) zwischen den beiden besten Vereinsmannschaften Paraguays, die beide aus Asuncion sind: Olympia, mit 38 Meistertitel, gegen Cerro Porteño mit 28. Dass die Fanlager verfeindet sind, versteht sich da von selbst. Meine Familie sind Anhaenger von Cerro.

Paraguay Fans: zwei Cousins, Gastbruder Diego, Mariza und ich

Paraguay Fans: zwei Cousins, Gastbruder Diego, Mariza und ich beim Spiel gegen Bolivien

Ich interessiere mich schon Jahrzehnte fuer Fussball, aber so ein krasses Derby wie dieses habe ich in Deutschland noch nie  erlebt. Es faengt damit an, dass wir auf dem Weg ins Stadion auf Hinweis meines Gastbruders unsere Cerro-Trikots nicht anziehen sollten, obwohl wir zu viert unterwegs waren, da wir Angst haben mussten, zusammen geschlagen zuwerden, falls wir auf eine groessere Gruppe von Olympiafans traefen.
Kurz vorm Anpfiff flog ein Gegenstand aus dem Cerro-Block und traf einen Olympiaverteidiger am Kopf, der darauf blutete. Er konnte dann aber doch weiterspielen. Es gab insgesammt 3 rote und zig gelbe Karten. Ausserdem gab es staendig Rudelbildung, die einmal fast in einer Schlaegerei endete. Nach dem Spiel wurden die Cerro-Fans erst eine halbe Stunde spaeter rausgelassen, damit es nicht zu Schlaegereien kommt. Cerro gewann das Spiel mit 1:0 und eins scheint ueberall auf der Welt gleich zu sein: Nach einem Derbysieg sind die vorherigen schlechten Leistungen (im Falle von Cerro 3 Pkt aus 4 Spielen) bei den Fans vergessen.

Das wars soweit aus Asuncion.

PS:
Fuer alle, die nochmehr ueber die Situation der Yakye Axa und Sawhoyamaxa wissen wollen, kann ich den folgenden Artikel von Amnesty International empfehlen:
http://www.amnesty.de/files/Amnesty_Bericht_Indigene_Paraguay_45-005-2009_deutsch0409.pdf

PS2:
In meinem naechsten Artikel werde ich unter anderem ueber die politische und wirtschaftliche Situation in Paraguay, Geografie Paraguays, das Treffen der Haeuptlinge der Indigenas, einen 15. Geburtstag, der mit Abstand der wichtigste ist im Leben eines Teenagers und das Nachtleben von Asuncion berichten.

Hasta Luego,

Nicolas

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Eine Antwort to “Get Up, Stand Up!”

  1. Agnes Bartholomäus Says:

    lieber Nicolas,

    ich heiße Agnes Bartholomäus und bin eine Kollegin Deines Vaters, der neterweise diesen blog an mich weitergeleitet hat. Mich freut das sehr, weil ich vier Jahre in Asuncion gelebt habe und bei den schönen Fotos und Deinen Beschreibungen ganz nostalgisch wurde.
    Falls Du noch ein, zwei Personen kennen lernen möchtest, um Dein Spanisch zu üben, kann ich gerne per mail einen Kontakt herstellen; sende einfach eine mail an meine gtz-adresse (ä wird zu ae),

    viel Vergnügen und gutes Arbeiten weiterhin und herzliche GRüße in die schöne Stadt aus dem schon sehr herbstlichen Eschborn,
    Agnes BArtholomäus

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