Archiv für Dezember 2009

„Advent, Advent – aber kein Lichtlein brennt“

22. Dezember 2009

unser "Weihnachtsbaum" - aus Plastik und Fieberglas

Weihnachten steht vor der Tuer. Aber bei 36º C im Schatten fuehlt es sich nicht wirklich weihnachtlich an. Adventskranz, -kalender und Weihnachstmarkt gibt es hier nicht, Weihnachtsdekoration an oder in Haeusern habe ich kaum gesehen. Das ist ein krasser Gegensatz zu den Erfahrungen meines Auslandsjahres in Kanada, wo die Weihnachtsbeleuchtung, die an fast allen Haeusern massig vorhanden war, die Nacht erhellte. Auch Tannenbaeume sind hier nicht verbreitet und wenn, dann nur aus Plastik. Hier ist es dagegen ueblich, dass man ein Krippenspiel im Wohnzimmer stehen hat.  Leider gibt es keine selbstgebackenen Weihnachtsplaetzchen. Vorallem aber faellt auf, dass die Schaufenster von Geschaeften nicht so krass dekoriert sind wie in Deutschland.  Zusammenfassend laesst sich sagen, dass Weihnachten hier nicht so kommerzialisiert ist, dass  liegt wohl daran, dass viele Paraguayer es sich nicht leisten koennten, ihr Geld fuer so etwas wie Weihnachtsdekoration auszugeben. Deshalb schenken sich die meistens Paraguayer, so wie auch meine Familie, auch keine Geschenke.

Seitdem es so heiss geworden ist, treffen sich abends Leute zu kleinen Parties in Parks oder einfach auf der Strasse und hoeren bis in die Morgenstunden laute Musik aus ihren Autos. Die Idee der stillen Nacht, heiligen Nacht scheint hier wohl auch nicht so verbreitet zu sein.

Vier Monate in Tierraviva

Dass die laute Musik die arbeitende Bevoelkerung beim Schlafen stoeren koennte, scheint die Feiernden nicht zu wirklich interessieren. Ich will mich aber auch nicht zu sehr darueber beschweren, da ich zum Einen erst seit Kurzem zur arbeiten Bevoelkerung gehoere und auf der anderen Seite auch nicht immer nur stillschweigend die Nacht verbracht habe.
Ich habe aber festgestellt, dass es etwas anderes ist, mogens zur Arbeit als zur Schule zu gehen. Der groesste Unterschied ist, dass sich, falls ich mal morgens zu spaet komme, niemand aufregt, da meine Kollegen selbst nicht

ein Geburtstag wird im Buero mit einem gemeinsamen Mittagessen gefeiert

immer puenktlich sind. Ausserdem finde ich meine Arbeit ziemlich interessant und ich habe doch das Gefuehl, dass Tierraviva wirklich etwas bewegen kann. Meine Arbeit- momentan das Uebersetzen der Website – bringt meiner NGO wirklich etwas und ist keine Arbeitsbeschaffungsmassnahme, wie es in den Projekten von befreundeten Freiwilligen schon vorgekommen ist.  Wahrscheinlich gefaellt mir meine Arbeitsstelle auch deshalb  so gut, weil meine Kollegen sehr engagiert arbeiten, aber in der Mittagspause immer Zeit fuer Scherze habe. Zudem sind sie immer freundlich und bereit, mir Dinge auch zweimal zu erklaeren. Ich bewundere sie ein bisschen dafuer, dass einige, obwohl sie schon seit 15 Jahre fuer die Rechte der Indigenas kaempfen und auch schon einige herbe Niederlage einstecken mussten, die Motivation und gute Laune noch nicht verloren haben.

Uebrigens: die Entscheidung ueber das Alternativland der Yakye Axa und Sawhoyamaxa wurde in den Januar vertagt, wie auch der Rechtsspruch ueber den Antrag, der Senatorin und Praesidentin der Kommission fuer Menschrechte de Acha die parlamentarische Immunitaet zu entziehen.

Futbol

Der ein oder andere mag sich ja schon gefragt haben, warum ich an dieser Stelle so haeufig und viel ueber den Fussball hier berichte. Das liegt hauptsaechlich daran, dass Fussball hier Teil der Kultur ist. Jeder hier ist Fan eines Teams – unabhaengig des Geschlechts, Alters oder sozialem Stand. Fan sein ist hier aber nicht dasselbe wie Fan sein in Deutschland. Das Extrem sind hier die Ultras, die alle Spiele ihres Vereins im Stadion besuchen und sich fuer ihren Verein mit Fans anderer Vereine schlagen oder in einem traurigen Fall sogar toeten.

Auf der anderen Seite, die „Fans“ die sich nicht mal die Zusammenfassungen der Spiele im Fernsehen anschauen oder Zeitungsberichte darueber lesen, sich aber trotzdem freuen, wenn sie hoeren, dass ihr Verein gewonnen oder der Erzrivale verloren hat.

Allerdings habe ich bis jetzt noch nie eine Diskussion ueber Taktik oder Aufstellung mitbekommen. Das mag auch daran liegen, dass man bei manchen Spielen hier das Gefuehl hat, dass ueberhaupt keine Taktik vorhanden ist. Die Spieler stehen nie so oekonomisch ueber das Feld verteilt wie in Europa und oft wird viel zu lange erfolglos  rumgedribbelt anstatt einen gescheiten, schnellen Pass zu spielen. Matthis, ein anderer deutscher Zivi, bezeichnete den Fussball hier als „unterirdisch“ und ich glaube, dass die Vereine der paraguayischen Liga nur auf dem Niveau der 3. Bundesliga sind. Es gibt zwar sehr viele gute, suedamerikanische Fussballer, die spielen allerdings in Europa.

Mit diesen letzten Eindruecken verabschiede ich mich nun in die „Winterpause“. Zwischen Weihnachten und Neujahr werde ich mit meiner Gastfamilie u.a. nach Argentinien reisen. Der naechste Bericht kommt dann im Januar.

Ich moechte mich bei allen meinen Lesern bedanken, die letzten Artikel hatten immerhin je 120! Und wuensche allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.

Feliz Navidad y Feliz Año Nuevo

Nicolas

Sojafarmer bespruehen Dorf der Ingidenen mit Pestiziden

9. Dezember 2009

Inzwischen ist es schon Dezember und die Weihnachtszeit hat begonnen. Da erst ist mir aufgefallen, wie schnell die Zeit vorbeigegangen ist, seitdem ich vor vier Monaten hier angekommen bin.

Ich hab hier schon viel erlebt, aber was ich vergangenen Monat erfahren habe, ist einfach unglaublich, ziemlich heftig und irgendwie wahnsinnig: Die Gemeinde der Ava-Guarani nahe Itakyry wurde aus der Luft von Sojafarmern mit Pestiziden besprueht! Was war passiert, dass es zu so einem inhumanen Angriff kam?

Demonstration vorm Senatsgebaeude. Foto wurde vom Besucherbalkon des Senatsgeschossen

Die INDI (staatliche Behoerde zustaendig fuer Indigenas) hatte das Landstueck nahe Itakyry, im Osten Paraguays gekauft, damit die Ava-Guarani dort friedlich auf dem Land ihrer Vorfahren leben konnten. Allerdings hatte die INDI den Landtitel noch nicht an die Ava-Guarani transferiert. Farmer wollten das Land der Itakyry zum Anbau von Soja benutzen, deshalb legten sie einem lokalen Staatsanwalt eine vermutlich gefaelschte Besitzurkunde vor. Dieser gab ihnen, auf Geheiss der Senatorin de Acha, Recht und die Erlaubnis zur Zwangsraeumung. Also kamen am 6. November ca. 50 Maenner und versuchten die Ava-Guarani zu vertreiben. Diese widersetzten sich, verteidigten sich – und das ist kein Witz – mit Pfeil und Bogen und vertrieben so die Maenner. Ein paar Stunden spaeter kam ein Flugzeug und spruehte Pestizide, die normalerweise beim Sojaanbau verwendet werden, ueber die Gemeinde.
200 Personen der Ava-Guarani Gemeinde waren betroffen, sieben mussten

die Demonstration, im Hintergrund das Senatsgebaeude

sogar ins Krankhaus gebracht werden. Am 23.November gab es eine Demonstration der Ava-Guarani und sympatisierender Indigenas vor dem Senatsgebaeude, bei der ich zusammen mit dem Praesidenten von Tierraviva anwesend war.

Auf Bitten mehrerer indigener Gemeinden hat die RED DE ENTIDADES PRIVADAS AL SERVICIO DE LOS PUEBLOS INDIGENAS EN EL PARAGUAY, ein Netz in dem alle NGOs, die sich fuer die Rechte der Indigenas einsetzen, Mitglied sind, einen Antrag an den Vorsitzenden des Senats gestellt, der Senatorin de Acha die palamentarische Immunitaet zu entziehen um so rechtlich gegen sie vorgehen zu koennen.

Senatorin da Acha bei einer oeffentlichen Anhoerung gegen Menschrechtsverstoesse(Frau in der Mitte)

Denn sie hat gegen das demokratische Prinzip der Gewaltenteilung verstossen, als sie, als Teil der Legislative, den Staatsanwalt, der Teil der judikativen Gewalt ist, dazu draengte, den Raeumungsbefehl auszustellen. Ausserdem hat sie in der Debatte ueber den Enteignungsantrag fuer das Land der Yakye Axa mehrmals gelogen. Es ist schon bittere Ironie des Schicksals, dass sie die Vorsitzende des Senatsausschusses fuer Menschenrechte ist.

Uebrigens: der Antrag der Yakye Axa und Sawhoyamaxa auf Zuweisung alternativer Landstuecke wurde angenommen. Der Senat will bis zum 13. Dezember pruefen wie viel dies kosten wuerde. Einige meiner Kollegen sehen die Sache sehr pessimistisch und zweifeln, dass der Senat interesse daran hat, Land fuer die Indigenas zu enteignen.

Aufgaben im Buero

Santi und Laura bei der Aufnahme der "Micronoticias"

Meine Hauptaufgabe im Buero ist immer noch unsere Internetseite auf Englisch zu uebersetzen. Ab Januar soll diese dann in neuem Design mehrsprachig vorhanden sein.

Unsere Informationen sind allerdings ziemlich unfangreich, sodass sich die Aufgabe doch als Mamutprojekt herausgestellt hat. Des Weiteren bin ich es meistens, der bei Demonstrationen oder anderen oeffentlichen Auftritten Fotos macht. Ansonsten helfe ich natuerlich, wo ich kann. So habe ich einem Indigena erklaert, wie er einen Internetblog einrichten kann. Wer Spanisch kann, kann sich diesen gerne ansehen: http://www.cosmoenxet.blogspot.com/

Letzten Monat war ich auch dabei, wie wir in ein professionelles Musikstudio

im Studio

gegangen sind, um sogenannte „Micronoticias“ aufzunehmen. Das sind ca. zwei-Minuten-lange Audiostuecke, die wir fuer andere Radiosender produziert haben. Diese hatte die Menschenrechtskoordination Paraguays(CoDeHuPy) in Auftrag gegeben. Die Spots stehen alle unter dem Motto „Fuer ein Paraguay ohne Diskrimination“. Darin wird z.B. Aufklaerung ueber die Situation der Indigenas geleistet oder fuer mehr Toleranz gegenueber Schwulen und Lesben geworben.

Hass gegen Indigenas

Egal wo ich hingehe, falle ich schnell durch meine Haut- und vor allem durch meine Haarfarbe auf. Die meisten Leute sind dann interessiert, wo ich herkomme und was ich hier in Paraguay mache. So war es auch, als ich letzten Monat mit einem Freund in einem Schnellimbiss essen war. Die Bedienung war sehr freundlich und neugierig, als sie hoerte, dass ich aus Deutschland kam. Als ich ihr aber ueber meine Arbeit erzaehlte, veraenderte sich ihr Miene schlagartig und sie meinte nur: „Die Indigenas sind alle ein schmutziger, saufender Haufen, die nicht bereit sind zu arbeiten!“ Das Traurige ist, dass ich solche oder aehnliche Reaktionen schon oefters erfahren habe, denn leider haben hier viele Menschen so eine Einstellung zu den Indigenas. Deshalb moechte ich an dieser Stelle für ein wenig Aufklaerung sorgen und mit diesen Stereotypen aufräumen: Es ist zwar richtig, dass viele Indigenas nicht im volkswirtschaftlichen Sinne arbeiten, denn sie wohnen auf ihrem Land und leben vom Jagen und Sammeln, wie sie es schon immer taten, lange bevor die spanischen Eroberer nach Suedamerika kamen. Es gibt aber auch Indigenas, die ganz normale Jobs haben: Im Chaco arbeiten Indigenas haeufig auf den Farmen der Mennoniten, Tierraviva arbeitet mit einem Guarani zusammen, der bald sein Jurastudium beenden wird und vergangenes Jahr sind sogar die ersten zwei indigenen Polizisten vereidigt worden.

Ueber die Indigenas, die noch auf traditionelle Weise leben, moechte ich noch Folgendes hinzufuegen: Sie haben keinen fest durchstrukturierten Tages- und Wochenablauf wie wir. Wenn sie genuegend Nahrung haben, kommt es auch schon mal vor, dass sie einfach tagelang nur vor ihrem Haus sitzen und das Leben geniessen. Durch die fehlendende Tagesstruktur haben sie auch keine gesellschaftlich vorgegebenen Zeiten fuer Alkoholkonsum, so wie es bei uns z.B. den Spruch „Kein Bier vor Vier“ oder die alte Kolonialistenregel „Kein Drink vor Sonnenuntergang“ gibt. Daher sieht man manchmal Indigenas schon um die Mittagszeit betrunken.

Die fehlende Tagesstruktur hat aber auch zur Folgen, dass Krankheit, die durch Stress ausgeloesst werden, wie z.B. das Burn-Out-Syndrom, bei Indigenas nicht vorkommen.

Familienfeier

froehliche Partygesellschaft

Vorletzten Sonntag war der 53. Geburtstag  meines Gastvater Enrique. Die Feier unterschied sich doch deutlich von den Geburtstagsfeiern meiner Eltern in Deutschland. Der groesste Unterschied war wahrscheinlich, dass die Gaeste hauptsaechlich aus der Grossfamilie stammten und nur ein paar Freunde eingeladen waren, das ist hier aber ueblich. Gegen zwoelf Uhr mittags kamen die ersten Gaeste und da wurde auch schon das erste Bier aufgemacht, das bei weitem nicht das letzten bleiben sollte – auch das ist hier bei Familienfeiern ueblich. Eine Stunde spaeter war unser Haus voll mit Gaesten, die sich froehlich und vor allem lautstark unterhielten, es gab viele Getraenke und es wurde ein halbes Schwein gegrillt. Der Hoehepunkt der Feier war sicherlich, dass meine Gastmutter eine professionelle Saengerin organisiert hatte, die ein paar spanische Partyklassiker zum Besten gab. Die Party ging allerdings nur bis in den fruehen Abend, da die meisten Besucher am naechsten Tag arbeiten mussten.

Nebenbei bemerkt, viele meiner Verwandten meinten, dass sich mein

mein Gasteltern tanzten vergnuegt, waehrend die Saengerin(im Hintergrund) Partyklassiker zum Besten gab

Spanisch doch ziemlich verbessert hat, seitdem sie mich das letzte Mal gesehen haetten. Dem kann ich mich anschliessen, denn zum einen führe ich immer noch meinen Sprachunterricht mit einem Privatlehrer fort und zum anderen habe ich bald mein erstes Buch auf Spanisch durch gelesen: Harry Potter 3. Das geht relativ gut, da ich den Inhalt noch halbwegs im Kopf habe und mir so haeufig fehlende Vokabeln erschliessen kann.

Das war´s für heute und vielleicht für dieses Jahr. Im naechsten Bericht, werde ich dann ueber die Weihnachtszeit bei ueber 35º C berichten. Bis dahin.

Adios

Nicolas


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